sitzung: 12 [ Protokoll ]
datum: 19.12.2001
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Fascination (von translatorius)

“Long time no see”, sage ich zu meinem Radio, als ich einsteige. Ich mache es natürlich nicht an, sondern schiebe sofort eine Cassette ein, alt und dirty, das gerechte Scheppern für die Karre. Heute müssen mein Auto und ich durch Deutschland fahren und mein Radio kommt auch mit. Mehr aus Versehen. Cassettendecks fürs Auto kommen meist mit Radio. Es hat mich nie gestört. Außer, wenn sich wegen einer Fehleinstellung, das Radio während der Nachrichten einfach einstellt. Ich hasse das. Wenn bei hundertachtzig auf der Autobahn auf einmal dieses Piepen durch die Kabine dröhnt. Nicht dass ich oder mein Auto hundertachtzig kmh fahren könnten. Figurativ kriegen wir beiden dann fast einen Hirnschlag.
Die nächsten Tage werden hart. Mein Auto und ich werden in Süddeutschland erwartet. Weihnachten steht an. Nichts, was darüber nicht schon gesagt wurde. Ich schlucke und trete aufs Gaspedal. Es wird dunkel. Der Nachmittag erreicht seinen Höhepunkt. Langsam leiert mein Tape Nürnberg entgegen. Es beginnt zu schneien. Die Sommerreifen fangen an zu lachen. Ich beschließe, kurz raus zu fahren und einen Kaffee an meiner Lieblingstanke zu mir zu nehmen. Drei Stunden trennen mich noch von Omi und der braunen Wohnung im Herzen der Pampa. Ich stelle den Wagen ab, das Radio geht aus, ich renne mit hochgezogenen Schultern in den Tankstellenshop. Kippen und Kaffee. Ein Hanuta. Man will ja nicht zuviel im Magen haben kurz vor Weihnachten. Ich kriege Sodbrennen.
Beim Rausgehen spricht mich ein Typ an. Lange rote Haare, Schneeanzug, ein bisschen schmierig, aber nicht unsympathisch. Nach Heilbronn kann ich ihn mitnehmen, wenn ich ihn auf der entsprechenden Raststätte rausschmeißen darf. Wir werfen uns in die Sitze. Ich schalte das Radio wieder an und wechsle die Cassette. Jetzt ist was Kommunikatives gefragt. Ich frage den Typen, ob er was Bestimmtes hören will. Er sagt, 100,3. Scheiße.
Radio Paradiso. Dieser Christendreck. Verdammte Scheiße. Aber ich bin freundlich, mache beim Rauchen das Fenster auf und drehe den verdammten Sender rein. Bei White Rock halte ich inne. Das muss es sein. Jesus loves you. Ja, du mich auch.
Der Typ fängt an, seinen Schneeanorak auszuziehen. Er ist nicht angeschnallt, aber ich bin ja locker. Es bleibt nicht beim Anorak. Der Pulli und das T-Shirt darunter kommen auch gleich runter. Ich kucke ihn an. Er meint, er schwitzt immer so im Auto. Ich will ihn bitten, sein Unterhemd anzulassen, als mir seine Tätowierungen auffallen. Oh Mann, ein reformierter Knasti. Dabei sah er noch so jung und unschuldig aus. Dann macht er weiter. Mit der Schneehose. Das kann nicht wahr sein. Ich fange an, mich zu räuspern. Hey, die Unterhose kannste anlassen, ich steh nicht auf Hippies. Aber ich getrau mich nicht, was zu sagen. Ich bin ja locker. Die Beine sind auch voll tätowiert. Es ist eine Pracht anzuschauen. Mir wird schwindelig und ich halte mich am Lenkrad fest. Mit den Schuhen fallen die letzten Hüllen. Er ist nackt. Ich kucke konzentriert nach vorne. Wenigstens hat er keine Waffe in der Hand. Scheiß Freikörperkultur-fetischisten. Als ich einen Blick auf ihn werfe, sehe ich, wie er selig vor sich hin lächelt. Ich habe einen verdammten Junkie mitgenommen. Hey Typ, jetzt reichts. Kannst du dich bitte wieder anziehen? Ich halte jetzt sofort an. Hier auf dem rechten Streifen. Das ist Nötigung, verdammt. Nimm deinen Scheiß und mach dich vom Acker.
Ich kucke neben mich. Er ist weg. Seine Klamotten leider nicht.
Ich fahre auf den nächsten Parkplatz und fange sofort an zu kotzen, trotz der Kälte und meiner Verspätung. Dann werfe ich die Sachen raus und fahre weiter. Ich schaffe es noch nicht mal, durch seine Taschen zu gehen. Mein Telefon klingelt. Es ist Omi.
Fascination von translatorius





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