sitzung: 11 [ Protokoll ]
datum: 19.11.2002
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Nach Gott und nach Gott II (von hysterius)

M: Das kannst du nicht bringen, du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen!
B: Du machst deine Sache alleine auch ganz gut!
M: Aber warum disst du mich jetzt?
B: Ich disse dich nicht.
M: Und wieso bekomme ich dann irgendeinen Assistenten von dir aufgedrückt? Früher warst immer du persönlich für mich zuständig. Nur DU!
B (sanft): Dir wird es nicht schlechter gehen deswegen.
M: das ist jetzt deine Rache?
B: Rache?
M: Na, ich bin ja nicht blöd. Wer hats dir erzählt?
B: Was?
M: Es geht doch um die Sache, oder?
Keine Antwort.
M (schneidend): Ich gehöre dir nicht!
B: Natürlich nicht!
M: Ach nee, dann würdest du jetzt nicht so ausrasten.
B: Ich raste nicht aus.
M: Der fette Auftrag bringt dir doch schließlich am meisten Schotter!
B: Bald wirst du auf der ganzen Welt im Großformat auf Postern hängen. Da solltest du dich freuen. Das wolltest du doch immer.
M: Ja, aber dir bringt das richtig was. Also!
B: Klar. (Sie erhebt sich vom Sofa.)
M (einlenkend): Mann, ich war betrunken. OK.
Sie schenkt sich einen Tee ein.
M: Ausserdem haben wir nur ein bißchen rumgemacht und er hat mir einen geblasen. Ich hab sein Ding nicht angerührt, ehrlich!
Sie lächelt.
M: Du kannst mich jetzt nicht dissen! (Kälte wird zu Wut.)
B: Ich will dich nicht dissen!
Verzweiflung in seinem Gesicht.
M: Bitte! Ich liebe dich!
Bertha nippt leise lächelnd an ihrem Tee.
M: Du kannst mich nicht allein lassen, ich brauche dich!
Er schmeißt sich vor sie und umklammert ihre Knie. Tränen rinnen aus seinen Augen.
M: Ohne dich bin ich nichts!
Sie zieht ihn an seinen Schultern hoch.
B: Hey, du kleiner ängstlicher Vogel. Keine Angst, OK? Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.
Sie umarmt ihn. Er schluchzt hemmungslos.
M: Ich hab das nicht gewollt. Ehrlich, es ist einfach so passiert. Ich meine, du weißt doch, daß ich nicht schwul bin.
Er will sie küssen. Sie weist ihn ab. Blickt ihn dann aber voller Anteilnahme an.
B: Marc, du solltest aufhören mit Leuten zu schlafen, weil du denkst, das bringt dich weiter. Das hast du nicht nötig.
Ein großes Fragezeichen auf seinem Gesicht.
M: Du glaubst, es macht mir keinen Spaß?! Ach, das ist es! Aber ehrlich, es macht mir Spaß! Ganz ehrlich.
Er versucht ein Lächeln. Sie lächelt zurück.
B: Das glaub ich dir sogar. Aber du brauchst nicht mit mir schlafen, weil du meinst, es geht dann weiter.
M: Aber so ist das nicht, ich liebe dich!
Pause.
M: Ganz ehrlich.
Lächeln. Schließlich läßt sich Marc fassungslos wieder aufs Sofa plumpsen.
M: Mann, wenn du denkst, ich mach das nur wegen dem Job... ich mein, ich bin doch keine Hure!
B: Natürlich nicht.
M: Dass du sowas von mir denkst, das trifft mich tief.
B: Marc, du bist völlig in Ordnung, so wie du bist. Ehrlich. No regrets. OK?
Sie setzt sich neben ihn und schaut ihn an. Ihr sanfter Blick trifft Marc hart. Erneut treten Tränen in seine Augen. Melancholisch rinnen sie über sein Gesicht.
M: Du hast recht, ich bin eine Hure! Ich bin das Allerletzte!
Voller Grauen und Selbstekel wendet er sich ab.
M: Ich bin häßlich und verrottet.
B: Nein. Du bist der Schönste!
M: ich bin nicht schön!
Sie nimmt ihn bei der Schulter. Zieht ihn zu sich und umarmt ihn.
M: Meine Seele ist kaputt und allein.
B: Nein, ich bin mit dir.
Sie legt ihre Hand auf seine Haare.
B: Ich bin mit dir.

Marc fällt schluchzend an ihren Hals. Marcs duftende Haare in Berthas Nase. Sie denkt: "Jetzt, wo ich Gott gesehen habe, hat sich die Zukunft, von der aus ich mich auf meine Gegenwart zu bewegen
sollte, aufgelöst." Das machte es Bertha leichter zu denken. Das Frohlocken als glockenhelles Lachen in ihrer Seele.

NACH GOTT II

Wie kann man in dieser Gesellschaft nur weiter existieren, wenn man Gott gesehen hat? Gute Frage. Bertha wußte es auch nicht. Sie wollte nichts überstürzen. Sie hatte sich erstmal ein paar Monate frei genommen. Angeblich um surfen zu gehen. Und eigentlich war ja was wahres dran: Sie wollte auf ihren Wellen des Glücks und der Ekstase reiten -bis ihr etwas besseres einfiel. Yovanka freute sich, über das plötzliche Vertrauen, als Bertha ihr bis auf weiteres die Geschäfte überließ. „Manche Frauen erwischen die Wechseljahre eben schon früher:“ Dachte sie. Sie zählte sich nicht zu solchen Frauen. Aber Bertha traute sie alles zu. Während also ihre Kollegen rätselten, verbarrikadierte sich Bertha seelenruhig in ihre Wohnung und verbrachte ihre Tage damit, aus dem Fenster zu schauen: Tage, Nächte, Tage, Nächte. Der Schlaf brachte ihr bewegende Träume und das Wachen erfüllte sie mit nie da gewesener Glückseligkeit. Jedes Regal und jeden Tupfer an der Wand nahm sie plötzlich mit ungeahnter Intensität wahr. Alles schien mit ihr zu sprechen. Bertha hatte Marc nicht gefragt zu kommen und Marc stellte keine Fragen, aber er kam mit rührender Regelmäßigkeit vorbei. Er brachte was zu essen, putzte die Küche, machte Feuer im Kamin. Und er setzte sich zu ihr. Gemeinsam verfielen sie in eine Art Meditationsstarre. Sie saßen da und starrten irgendwelche Gegenstände an. Marc fiel das nicht schwer, er war sowieso kein Freund vieler Worte. Worte machten ihn immer unsicher. Vielleicht weil er sich manchmal nicht sicher war, wie er sie verwenden sollte. Eigentlich gefiel ihm daher die neue, ruhige, wortkarge Bertha.
Sie hatten sich gerade mal wieder auf Berthas chinesischem Seidenteppich niedergelassen, da klingelte das Telefon. „Jaa?“ hauchte Bertha. Die Antwort kam prompt, eine scheppernde und tiefe Frauenstimme: „Bertha, hier ist Heather?“ „Wer?“ „Heather!“ „Heather. Achso.“ Sie erinnerte sich. „Ich brauch Dich. Bring Marc mit.“ Es klickte. Bertha schaute irritiert in den Hörer. Woher hatte Heather ihre Telefonnummer und woher wußte sie von Marc? Sie legte auf. Da klingelte es nochmal. Bertha nahm wieder ab. „Sofort! “ säuselte Heather ins Telefon und legte wieder auf. Bertha schaute zu Marc rüber, der sich über gar nichts mehr wunderte. „Hast Du Zeit?“ Marc nickte. „Gut, dann komm!“
Bertha steuerte den Wagen durch die Stadt. Überall sah man Marcs Gesicht. Ob an Bushaltestellen, Häuserwänden oder Laternenpfosten: Mit einer halboffenen Jeans bekleidet, streckte sich sein muskulöser Oberkörper über riesige Plakatleinwände. Marc lachte und zeigte auf seine Abbild. „Fuck das ist ja irre! Das ist ja irre!“ Rief er aus. Bertha wühlte sich durch den mittäglichen Stadtverkehr. Alle Ampeln schienen rot. Da seufzte Marc. „Ich hab kein Bock mehr auf modeln!“ Bertha blickte kurz zu ihm rüber. „Ach ja? Warum?“ „Naja, jetzt hab ich ja alles erreicht, meine Rente verdient, in allen Zeitschriften gewesen... Ich will lieber surfen gehen!“ Bertha lachte. „Seit wann surfst Du?“ „Na ich surfe besser als DU!“ Sie wurde ruhig. „Marc, das ist meine Sache. Die muß ich allein durchziehen!“ Er schaute aus dem Fenster. Die ins Unendliche duplizierten Marcs lächelten ihn verführerisch an. Er schluckte. „Ich bin bei Dir!“ sprudelte es aus ihm raus. Er legte seine Hand auf Berthas Arm. „Ich bin bei Dir!“ Das brachte sie zum lächeln. Neben ihr drang laute Technomusik aus einem Wagen. Der Fahrer wippte im Rhythmus der Musik mit seinem Kopf. Ein Kaugummi brachte immer wieder seinen scharfkantigen Kiefer zum Vorschein. Bertha wandte sich zu Marc. „Marc ich bin nicht krank oder so.“ „Ja, ja ich weiß!“ Auch Marc wippte nun wie automatisch im Rhythmus der Musik. „ Gut dann such ich mir einen anderen Strand, aber vom surfen laß ich mich nicht abhalten!“ Er lächelte sie kindlich an. Sie wuschelte ihm lächelnd durch die Haare. Dann schaltete die Ampel auf grün, der Technotrancefahrer entfernte sich mit quietschenden Reifen und auch Bertha fuhr weiter.
Nach Gott und nach Gott II von hysterius





Nach Gott und nach Gott II
Köstrich Part III
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