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datum: 24.09.2003
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Von Mars und Pluto: Zwischen den Seilen (von translatorius)

3. Kapitel: Sterben als Hobby

Heute ist ein schöner Tag. Ich habe zwei Stunden nicht an die Zeit gedacht. Ich strecke mich und sehe aus dem Fenster. Es ist Herbst. Schlagartig fange ich an zu heulen. So eine Scheiße, denke ich. Dennoch: Heute ist ein guter Tag.

Und was habe ich bis jetzt gemacht? Ich bin kreativ gewesen. Beim Bäcker verlangte ich Hasenpfoten. An der Bushaltestelle verstrickte ich einen Mann in ein Gespräch über Brustoperationen. Am Kleistpark legte ich mich auf die Straße und wartete auf das Hupen und Quietschen.

Alles gelogen.

Ich habe gelogen. Das mache ich inzwischen immer öfters. Nicht aus Angst, oder weil es mir Spaß macht, sondern weil es mich interessiert. Weil „es“ mir egal ist. Die sogenannte Wahrheit. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das sind eine Million Grauabstufungen. Wie langweilig. Ich lüge, weil ich hoffe, dass sich hinter der Lüge etwas Großes verbirgt. Was Geheimnisvolles. Gott. Schon wieder gelogen: Eigentlich ist mir alles scheißegal. Eine Million Gottabstufungen und ich. Das ist schlimmer, als Samstag abends in einen Club zu gehen.

Der Arzt wollte mir zuerst nicht sagen, was los ist. Er wollte nicht derjenige sein, der es mir sagen muss. Er hoffte auf seinen Kollegen, der das sonst immer macht. Ich meine, „es“ den Patienten sagen. Die sogenannte Wahrheit. Er hat es dann trotzdem gesagt. 10 Jahre oder 10 Monate. Unheilbar. Ich habe sofort losgeheult.
Seitdem kann ich Geister sehen. Deshalb bin ich noch am Leben. Das ist meine Theorie: So lange ich Geister sehe, kann ich nicht richtig leben. So lange ich nicht richtig lebe, kann ich nicht richtig sterben. Deswegen ist heute ein guter Tag: 2 Stunden nicht an die Zeit gedacht. Herbst, fick dich. Ich rolle mir einen riesengroßen Joint.


4. Kapitel: Ich ficke gern

So wenig Sex wie auf der Potsdamer gibt’s nirgendwo sonst. Die Körper treffen sich, aber sie finden sich nicht. Die Potsdamer ist ein lausiger Ort für einen Orgasmus. Ich traf Laura vor dem Devotionalien-Laden. Eine große schöne Frau. Ungetrübter Blick. Aufrecht stand sie da und starrte verständnislos auf die andere Straßenseite. Später würde ich diesen Blick hassen, damals zog er mich an. Wir gingen zusammen zum Nolli, wo sie mir sagte, dass sie eine Freundin hat. Ich glaube, ich zuckte mit den Schultern. Es war kalt, und aus dem Cafe an der U-Bahn stürzte ein Typ. Er fiel uns direkt vor die Füße. Ich wollte weitergehen, doch Laura blieb stehen. Er war sturzbesoffen. Sie half ihm hoch und lächelte ihn an. Ich habe alle seine Platten, gestand sie mir später.


5. Kapitel: Immer, wenn es ruhig wird

Immer, wenn es ruhig wird, löst sich etwas. Die Pforten öffnen sich und heraus fließen Selbstmitleid, Selbsthass, Selbstliebe. Tee, Cola, Wein, Schnaps. Falafels, Börek, Speed und Schokolade. Immer, wenn es ruhig wird, löst sich etwas in mir und will raus.
Von Mars und Pluto: Zwischen den Seilen von translatorius





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