sitzung: 9 [ Protokoll ]
datum: 13.10.2004
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13. Der Tod. (von archivarius)

Als ich mit dem Pferd davon ritt, wusste ich noch immer nicht, woher die Wut kam. Und ob es ein Land gab, aus dem sie stammte? Ein Wut-Land gar? Und wie wohl dieses Land aussehen würde? Ob es rot wäre? Und warum man immer wieder denkt, die Wut sei rot?
Das Haus zu dem ich schließlich fand, gehörte zu jenen, die den Freitod organisieren. Das Personal war auf Wünsche jeder Art spezialisiert. Auf Vanillepudding, blondes Haar, auf leere Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, Glück im Allgemeinen, Porno und Grafie. Keine Schallplatte, die dieses Hotel nicht besitzt, keine Erinnerung, die nicht aus irgendeiner Schublade hervorgekramt werden könnte. Ja, es ist alles da, alles. Denn wenn man die Bilanz seines Lebens zieht, bleibt unter dem Strich sowieso nicht allzuviel übrig. Und wenn man seinen letzten Wunsch formulieren soll, bleibt außer einem Strich sowieso nicht allzuviel übrig. Wie auch immer. Ich jedenfalls wünschte mir, ich wäre ein Strich gewesen. Aber das, so wusste ich, zählte nicht.
Ich blieb drei Tage. Saß auf dem Boden und bohrte in der Nase. Suchte. Fand aber immer nur den Strich. Und das, obwohl es außer einem Bett und einer verspiegelten Toilette nichts in diesem Zimmer gab, nichts, was mich kleiner machte, als ich war. Was mich eingeschüchtert hätte. Drei Tage, oh ja, ich durfte mir etwas richtig Großes wünschen, doch nichts ließ sich blicken, nicht einmal das Monster in mir. Und also bezahlte ich und ritt weiter.

Unterwegs traf ich auf eine Kutsche. Eine Lady saß darin, behutsam verborgen hinter dicken, schwarzen Vorhängen, ich aber konnte sie trotzdem sehen, denn ihr Gesicht war in den Vorhängen verwoben. Und wenn es lachte, dann lachten die Vorhänge. Aber meistens weinte die Lady, und ich hörte ihre Lungen, sie waren voller Salzlake.
"Ja, kann denn das alles sein?", fragte die Lady. Fragten die Vorhänge.
Das Problem ist: So denken wir immer. Das es IMMER eine Hoffnung geben muss. Und dass man den Glauben NIE aufgeben darf. Und deshalb sind es immer der Glaube und die Hoffnung, die sich letztendlich ins Fäustchen lachen und Witze über Menschen wie die Lady machen. Weil Menschen wie die Lady ihre Worte lauter sprechen als es ihre Stimme zulässt. Weil sie das Dümmste tun, was Menschen und Ladys tun können: Glauben und hoffen, wo nichts ist, was den Glauben oder die Hoffnung verstehen könnte. Wo nichts ist, was gewillt gewesen wäre, ein solches Experiment zu wagen.
So oft habe ich gedacht, man müsse sich treu bleiben. Aber das ist nicht möglich. Denn wo nichts ist, was über den Glauben und die Hoffnung hinausgeht (zwei dumme, stolze Kammeraden, die keine Instanz über sich dulden), kann nichts betrogen werden. Es sind immer nur der Glaube und die Hoffnung, die einen betrügen.
"Glaube und Hoffnung: Ich scheiße auf euch!", sagte die Lady, und die Vorhänge lachten so laut, dass mir übel wurde. Panisch trieb ich mein Pferd an und überholte die Kutsche.

Kurz darauf passierte ich ein Tabernakel, wo jemand seine Eingeweide niedergelegt hatte, daneben ein Hinweisschild, auf dem geschrieben stand: "Bitte liegen lassen. Wird später abgeholt. Danke."
Ich ritt über eine Brücke, wo Kinder sich gegenseitig an den Haaren zogen, und eines der Kinder zerrte so stark an einem Büschel, dass sich die Haut vom Kopf ablöste. Es lachte, als es sah, dass darunter nichts war. Kein Gehirn, kein Kopf, kein Kind. Keine Welt, die zerstört werden konnte. Kurz nachdem ich die Brücke überquert hatte, brach sie hinter mir zusammen.
13. Der Tod. von archivarius





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