sitzung: 3 [ Protokoll ]
datum: 19.05.2004
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5. Der Hierophant. (von archivarius)

Nachdem ich das mit der Therapie aufgegeben hatte, ging ich ins Kloster. Drei Jahre lang sprach ich mit niemandem. Aß nichts außer Löwenzahn. Rührte nichts an. Nein, nichts. Dachte nicht einmal mehr daran, zumindest nicht derart, dass auch ich in diesen Gedanken vorkam. Denn ich. Ich dachte nur daran, wie es wäre, wieder zu essen. Wie es wäre, wieder zu sprechen. Ob sich die Sprache freuen würde, wenn ich zu ihr zurückkäme. Ob sich das Leben freute, wenn ich es wieder aufsuchte. Und ob es mich verstehen würde, wenn ich mit vollem Mund zu ihm sprach.
Jedenfalls weiß ich jetzt, dass diese Dinge nicht zusammenpassen. Leben und Sprache. Dass es diese Dinge aber trotzdem gibt. Irgendwo. Weit weg von mir.

Als ich mich drüben im Nachbargarten sitzen sah, bequem und feist in der Hollywoodschaukel, begriff ich, dass es noch mehr Dinge gab, die nicht zueinander passten. Dass, nein, nicht nur das Verdrängte sich einem als Doppelgänger offenbarte. Sondern dass es sich manchmal genau umgekehrt verhielt. Dass der Doppelgänger einem von weitem ansah, um einen selbst als das 'Reale' zu entlarven. Ja. So.

Mein ICH saß also drüben in der Hollywoodschaukel und ließ sich einen Eistee reichen, und mir entging dabei nicht, wie es dabei Frau Nachbar in den Ausschnitt schielte. Nur kurz, versteht sich. Nur mal so eben. Klar. Nur mal so eben die ganze Zeit. Ja, Herrgott nochmal, was soll man aber auch machen, wenn sich die Frauen immer SO vor einen hinstellen. SO, dass man dort hinsehen muss. SO, dass man gar nicht anders kann, SO, wie auch ein Stuhl nichts anderes tun kann, als umzufallen, wenn man ihm zwei Beine wegsägt (alles andere hätte nichts mit Physik zu tun). SO, wie auch ein Vogel nichts anderes tun kann, als davonzufliegen, wenn einer mit der Flinte nach ihm schießt (alles andere hätte nichts mit Evolution zu tun). SO, wie auch eine Sturmböe nichts anderes tun kann, als Häuser und Straßen hinwegzufegen (alles andere hätte nichts mit Fortschritt zu tun). Ja, SO, wie auch ein Richter gar nichts anderes tun kann, als NEIN zu sagen, wenn einer ihn um die Erlaubnis bittet, seinen Vater, seine Mutter oder sonst eine Instanz töten zu dürfen (über alles andere müsste man eine Weile nachdenken).
(…)
Ja. Eben. Ich bin nun mal ein Mensch. Mit einem Trieb und einer visionären Seite.
Als ich abends also mit Frau Nachbarin ins Bett stieg (ihr Mann war riesig und befand sich auf einer Geschäftsreise, ihren Namen hatte ich schon wieder vergessen), zündete ich mir eine Zigarette an, und beobachtete den Gang der Dinge durch mein Fenster gegenüber: Sie legte sich sofort auf den Rücken und machte das Licht aus. Ich legte mich neben sie und machte das Licht wieder an. Ich zog sie zu mir heran, aber sie griff über mich drüber und machte das Licht wieder aus. Mit der linken Hand, öffnete sie mir den Gürtel, mit der rechten hielt sie meine Hand fest, die nach Links greifen und das Licht wieder anmachen wollte. Also nahm ich die noch freie Hand und platzierte sie so geschickt auf ihrem Kehlkopf, dass sie es vorzog, zu kichern, leise und heißer, mir die Hose über die Hüften gackerte, mir das Hemd über den Kopf weg prustete, und über mir den Lichtschalter hin und her huschen ließ, so dass ich ihn nicht mehr zu fassen bekam, und mit der Hand zweimal auf die Raufasertapete klatschte.

Später schämte ICH mich ein bisschen und verließ Frau Nachbarin im Morgengrauen. Beim Bäcker kaufte ICH mir ein hart gekochtes Ei, ging nach Hause und entkam dabei nur knapp einem Blumentopf, den jemand aus der Dachluke MEINES Hauses warf. Ja, stimmt. Ich hatte ganz vergessen, das Mädchen loszubinden.
5. Der Hierophant. von archivarius





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