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datum: 25.02.2005
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Ivan, lass den Dongl los (von archivarius)

"Hol mich der Lachsmann", sagte Wendelina. Sie saß im Schneidersitz auf ihrer Pritsche und studierte ein recht mitgenommen aussehendes Blatt Pergament.
"Was ist?", gähnte ich, weniger weil es mich interessierte, warum jetzt Wendelina der Lachsmann holen sollte oder nicht, sondern weil sie sehr beleidigt wäre, wenn ich nicht fragte.
Mein Tag in der Bibliothek war hart gewesen. 30 Bücher hatte ich aus den Regalen angeln müssen. Allesamt dickleibige Herbarien, allesamt für Teresa, die auf ihrer Lieblingsbank gesessen hatte, voll bis oben hin, denn seit Tagen fiel der Schnee, und so gab es auf dem Disibodenberg nicht allzu viel zu tun, was bei Theresa immer dazu führte, dass sie mit irgendwelchen Kräutern herumexperimentierte.
"Das ist ein Brief an die Bingen." Obwohl außer uns beiden niemand im Schlafsaal war, flüsterte Wendelina.
"Na und?" In Anbetracht der 300 Briefe, die Hilde täglich schrieb, fand ich diese Entdeckung nicht besonders aufregend. Wendelina allerdings schien da anderer Meinung zu sein. Ganze zehn Sekunden lang sah sie mich an, was sie immer tat, wenn sie glaubte, eine große Bombe unter dem Arm zu tragen. Und weil bis jetzt noch keine dieser Bomben jemals in die Luft gegangen war, nutzte ich meistens die Zeit, um über die Wahrscheinlichkeit einer explodierenden Krankheit in meinem Körper nachzudenken. Geschwüre. Seltsame Anreicherungen. Furunkel. Eigentlich, so fiel mir ein, wollte Theresa eine Mutterkrautsuppe brauen –
"Der Brief ist von einer Frau."
– das Universalheilmittel gegen Ausfluss, Adnexschmerzen, prämenstruelle Schmerzen, Krämpfe und Migräne.
"In dem Brief geht es um ein Treffen auf den Externsteinen."
Knochenmetastasen. Mastopathie. Manchmal konnte ich mich in solche Szenarien richtiggehend reinsteigern. Und dann vergaß ich sogar, dass Orangen wahrscheinlich eher nicht von derartigen Explosionen betroffen waren.
"Findest du das nicht seltsam?"
"Was soll daran seltsam sein?"
"Der Brief ist von einer Frau."
Jetzt war ich wirklich erstaunt. Offenbar vergaß Wendelina noch häufiger als ich, wo wir uns seit Jahren aufhielten.
"Wendelina", sagte ich vorsichtig. "Nicht jeder hier ist derart missgebildet wie wir." Und dann wollte ich noch sagen, dass Adnexschmerzen in unserem Umfeld wahrscheinlich weitaus normaler waren als die tägliche Sorge um verderbende Orangen, doch Wendelina kam mir zuvor.
"Das weiß ich", fuhr sie mich an, und dann sagte sie ihn. Meinen Namen, den zuletzt meine Mutter vor zehn Jahren ausgesprochen hatte, lange bevor ich nach einer abenteuerlichen Reise hier her kam.

Später dann, in der Nacht, kroch sie zu mir ins Bett und entschuldigte sich.
"Schon gut", sagte ich, obwohl ich ihr noch immer grollte und das Gefühl nicht loswurde, der Name würde aufdringlich im Raum nachhallen und in roter Schrift an allen Wänden stehen.
Ivan. Was würde ich dafür geben, den Dongl endlich loszuwerden.
"Weißt du eigentlich, was Adnexschmerzen sind?"
Ivan, lass den Dongl los von archivarius





Ivan, lass den Dongl los
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Part I - Ankunft
Somnambulimie
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