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datum: 05.06.2002
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Mama Bertha (von hysterius)

Der Zufall spülte sie wieder zusammen. Oder was heißt Zufall. Sie waren schließlich in der gleichen Branche tätig. Da konnte man sich auf Dauer nicht aus dem Weg gehen. Und so traf sie ihn dann auch irgendwann auf einer Party wieder. Er wirkte älter, erwachsener, gereifter. Sofort machte es Klack und die alten Gefühle waren wieder da. Sie konnte ihn wieder lieben. Oder vielleicht nicht ganz. Es war anders. Auch sie hatte gelernt! Ihre Überverantwortlichkeit wich einem tiefen Verständnis. Sie konnte ihn plötzlich wieder ernst nehmen. Sie respektierte ihn.
Hoffentlich so dachte sie, bleiben wir in Kontakt. Hoffentlich so dachte sie, geht dies nicht wieder auseinander. Hoffentlich geht es weiter.

Sie wußte nicht was er dachte. War er genauso erleichtert sie zu sehen? Vielleicht war ihm das auch egal. Er war zu schön, als das man seine Gefühlsregungen deuten konnte. Wenn er etwas nicht wußte, dann lächelte er einfach, oder machte einen dummen Scherz. In dieser Beziehung war er sogar richtig clever. Aber ansonsten? Er war nicht dumm, nur verwirrt, doch dies konnte er hinter seinen schönen Augen gut verbergen. Und dann als sie sich gegenseitig auszogen, heimlich hinter dem Tresen, da gab es sowieso nicht viel zu reden.

Das alles ging ihr durch den Kopf, als sie im Flieger saß, der Himmel Tequila Sunrise-Rot. Noch nie hatte sie einen perfekteren Sonnenaufgang gesehen wie diesen über den Wolken. Eine rote Linie am schwarzgrauen Horizont, die sich nach oben hin orange-gelb verfärbte, ganz in den weißblauen Himmel hinein. Sollte sie jetzt abstürzen, das wäre schade. Aber auch irgendwie egal. Diesen Moment festzuhalten, das war es schon wert gewesen. Auf die Welt kommen, so einen Himmel sehen und sterben. Wer hätte das gedacht. In diesem Moment war sie glücklich. Das Leben war schön!

In London. Eigentlich ein sinnloser Abend. Das unglaubliche Hotel in das sie gebucht war, mit unfreundlichem Service. Langweilige Show. Alles scheiße. Danach wenigstens in ein richtiges Pub zum Saufen. Ein Architekt, ein junges Model, ihre Arbeitskollegin Sylvia, zwei Freunde und Marc.

Marc war ganz anders. Mit ihm konnte man sogar Konversation betreiben, im Gegensatz zu ihm, ihrem Dauerproblem. Außerdem war er ein wenig älter. Er war 22. Das machte in diesem Alter ja eine Menge aus. Und er hatte keine Probleme, seine Gefühle auszudrücken. Er umarmte sie, begrüßte sie und sie war dafür empfänglich. Hatte ihn denn niemand gewarnt, oder war er nur einfach gerissen? Vielleicht zog er ja nur ne Show ab. Und doch kam ihr das Ganze sehr echt vor. So wie er sie anschaute, wie er ihre Hand nahm. Das war schon wahnsinn. Ja diesmal lieber Gott, sollte es klappen! Diesmal bitte, laß es passieren. Kaum hatte sie diese Gedanken in ihrem Hirn ausformuliert war Marc auch schon weiter gezogen, zu irgendeinem Fittingtermin. Schade eigentlich. Nun saß sie hier wieder alleine. Die Arbeitskollegin warf ihr einen unerlaubt verschwörerischen Blick zu. Dumme Pute. Aber ihr war das egal.

Warum sollte sie es nicht zugeben. Männer über 28 waren einfach zu anspruchsvoll. Zu langweilig. Und nun war der Junge ja nicht mehr minderjährig. Ganz im Gegenteil, er war weit davon entfernt eine Unschuld zu sein.

Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Einfach ein bißchen darin aufgehen lassen in dieser bittersüßen Sehnsucht. War es jetzt, weil sie auf kleine Jungs stand, oder weil sie gerne wieder dieses Gefühl, dieses große Gefühl des Verliebtseins spüren wollte?

Sie merkte plötzlich, daß der Kern dieses Gefühls gar nicht äußerlich gebunden war. Sie konnte es beliebig an verschiedene Gegenstände, Personen oder Musikstücke hängen. Es war in ihr, tief verborgen in ihrer Seele. Das war so schön, daß sie am liebsten hier sitzen geblieben wäre, in diesem langweiligen Pub und einfach mit geschlossenen Augen weitergeträumt hätte. Die Leute schauten schon. “Ich bin müde” war ihre überzeugende Antwort. Sie fragte sich, ob es stimme, daß Menschen bevor sie sterben solche Gedanken und Gefühle haben? Sie erinnerte sich an ihren Onkel, wie er kurz vor seinem Tod in seiner Gartenlaube saß, einfach nur dasaß, nichts sprach und stundenlang genießerisch in die Wolken schaute. Genauso fühlte sie sich jetzt auch. Jetzt in diesem Moment war das Leben endlich und unendlich schön.
Mama Bertha von hysterius





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