sitzung: 14 [ Protokoll ]
datum: 14.02.2003
text: 6 [ 1  2  3  4  5  7  8  9 ]
schrift: 10px [ 12px  14px   ]
Interview mit Elisabeth (von archivarius)

Ich heiße Sabeth und bin 31 Jahre alt. Nicht, dass ich mich so benehmen würde, aber es gibt eine Geschichte, die damit anfängt, dass im Jahr 1975 die alte Schuluniform meiner Schwester auf meinem Bett gelandet ist. Und na ja, damals bin ich wohl in die Schule gekommen. Meine Schwester, Betty, müsste jetzt so um die 35 sein. Sie war schon tot, als ich auf die Welt gekommen bin, und ich wusste lange Zeit nichts von ihr, denn irgendwie hat sie in meiner Familie nie jemand erwähnt. Auch mein Vater weilt schon länger nicht mehr unter uns. Er ist vor über 20 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Neulich haben wir uns mal wieder getroffen und so ein bisschen über die alten Zeiten gesprochen. Von damals, als ich noch 14 war, das Alter, in dem ich mich auch heute noch am wohlsten fühle, meistens erzähle ich Geschichten aus dieser Zeit.

Meine Mutter, deren Namen mir gerade nicht einfällt, nimmt in meinen Geschichten gerne viele Tabletten und hat diesen kleinen Liebhaber, Mig. Seine Ex-Freundin Vine, war früher mal in meiner Klasse. Ein wirklich kluges Mädchen, hat viel über Heidegger nachgedacht und so, aber dann ist sie mit einer frischen Dauerwelle und in einem Satinnachthemd an Friscos Gartenzaun hängen geblieben – eine tragische Geschichte. Frisco ist übrigens ein Freund von Paul, und Paul ist mein jüngerer Bruder. Seit er von diesem „Herrmann The German“ gehört hat, will er Berufskiller in „Manhatten“ werden, aber ich glaube, er ist nicht der richtige Typ dafür. Er nimmt immer alles furchtbar ernst, ist schnell beleidigt und ziemlich verklemmt. Ich meine, neulich zum Beispiel saß er mit Frisco in der Badewanne, um einen Auftragsmord zu besprechen, und hinterher hat er sich mit einer Riesenschüssel Thunfischsalat zu mir aufs Sofa gesetzt und geheult. Ich weiß, dass Betty sich seinetwegen das Leben genommen hat. Sie war extrem verknallt in ihn, so wie man das mit fünf Jahren eben sein kann. Mein älterer Bruder, Leo, der ist ein bisschen langweilig. Ich weiß nicht viel über ihn, außer, dass er Onkel Emil immer vom Bahnhof abholt, wenn der uns besuchen kommt. Onkel Emil ist schizophren, oder zumindest wird es so behauptet. Obwohl Onkel Emil im Grunde nichts weiter tut, als in seiner kleinen, miefigen Wienerwohnung, das Obst auf dem Tisch verfaulen zu lassen.

Neben uns im Haus wohnt Frederik. Mein einziger Freund, der jahrelang behauptet hat, er könne nicht sprechen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Denn Frederik ist mit acht Jahren beinahe an einer Portion Pommes ertickt und später hat er damit angefangen, Videobänder perversen Inhalts zu verschicken, aber das ist eine andere Geschichte. Vor ein paar Wochen ist ein ziemlich schräger Typ bei ihm eingezogen. Kralle ist sein Name, und angeblich hilft er Frederiks Eltern in der Schreinerei, auch wenn er bis heute dort noch nie aufgetaucht ist. Mein Verhältnis zu Betty ist schwierig geworden, seit sie zu dieser Frau namens Heather geht. Einer – ich weiß nicht genau – Kartenlegerin? Wunderheilerin? Auf jeden Fall ist Betty seither sehr empfindlich, was ihre Zukunft anbelang, und ich glaube, auch Pollux, unser Wischmop, steht jetzt so ein bisschen unter Bettys Fuchtel. Er beobachtet uns unentwegt, und ich vermute, er tut es für Betty, die ihm Geld dafür gibt. Denn wie sonst, so frage ich mich, hätte er als einfacher Wischmop den Führerschein machen können? Und außerdem hat er sich vor kurzem einen dunkelgrünen Kleinbus gekauft, mit dem verfolgt er gerne Jungs in seinem Alter. Den Ex-Freund von Evelyn zum Beispiel. Und letzten Sommer ist er durch einen frisch gestrichenen Zaun mitten in Friscos Gartenparty reingerauscht.

Von Tante Amélie, die bei uns in der Speisekammer wohnt, höre ich nur noch selten was. Weiß nicht mal, ob sie noch am Leben ist. Manchmal ruft ihr Sohn, Michel, bei uns an und fragt nach seiner alten Schulunifom. Ob ich den dunkelblauen Faltenrock noch hätte, und ob der Mig nicht mal zu ihm in die Sprechstunde kommen wolle. Michel ist Psychiater, und Mig leidet seit ein paar Jahren unter zwei Darmbakterien, die sich über Heidegger unterhalten. Lilo und Lotti heißen die. Aber der Mig. Der will ja nicht.
Interview mit Elisabeth von archivarius





Ich bin
Sektion Introspektion - Ich bi...
interview mit e und t
An Interview with Josh: Waitin...
Der Wels
Interview mit Elisabeth
Fragebogen (fehlt)
Mama Bertha / Am Anfang war de...
Feuchter Traum (fehlt)


in dieser Staffel suchen