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datum: 28.08.2003
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Ein Sarglager mit Marmorboden (von rio de janeirius)

„Es gibt keine Entfernung mehr.“
Joseph Roth, Flucht ohne Ende, Berlin, 1927.

Drei Männer machen einen Spaziergang. Es ist Sommer, es ist sternendunkel, und der Asphalt glüht nach. Die drei Männer sind weder Herren noch Knechte, es könnten eher Schelme sein, und sie überqueren eilig den Zebrastreifen. Der Asphalt ist weich wie Lakritz und duftet bedrohlich nach Teer. Die Männer gehen auf dem Bürgersteig nebeneinander, sie betrachten die Fassaden, bleiben vor den Schaufenstern stehen und lauschen dem Freitagabendverkehr, sie sind gut gelaunt, sie unterhalten sich angeregt, sie wollen sich einen Eindruck verschaffen. Ihr Spaziergang gilt der Straße, dem Flair der Gegend, den Bewohnern und Besuchern, es ist keine schöne Straße, es mangelt hier an schönen Menschen, aber das stört die drei Spaziergänger nicht, ganz im Gegenteil.
Der Knochige hat vor vielen Jahren ganz in der Nähe gewohnt, an jeder Ecke holt er eine Geschichte aus dem Sack. Der Kleine freut sich über die Passanten und über die Geschichten, denn er steht unter der Wirkung von Opium. Der Krumme trinkt aus einer Bierbüchse gegen die Hitze und besitzt auch kein Automobil. Während der Knochige erklärt, wie sich die professionellen von den süchtigen Nutten unterscheiden lassen, und daß es damals wimmelte vor Wettbüros, freut sich der Kleine über die Auslagen in einem Devotionaliengeschäft. In seinen Augen spiegeln sich die blutenden Herzen. Dann setzen sie ihren Weg fort. Bis zu einer Wirtschaft mit bordeauxroter Fassade und gewölbten Marquisen und einem glubschäugigen Portrait mit Rahmen. Der Krumme bleibt überrascht stehen, drinnen gibt es eine Bar und Zeitungen und Buletten, draußen sitzt ein Gast und der grinst spöttisch, als wollte er sagen: es braucht ja auch wirklich nicht jeder die Joseph-Roth-Diele zu kennen. Der Krumme lächelt sanftmütig retour, denn schließlich kann nicht jeder einen Freund in Paris haben, der gerade an einem Roman über die letzten Tage des Joseph Roth schreibt.
Drei Männer machen ein Spaziergang. Hoffentlich wird keiner der drei von einem herabfallenden Ast erschlagen. Oder einem Omnibus vor den Kühler laufen. Jetzt gehen sie wieder nebeneinanderher durch die Sommernacht. Sie wissen, wieviel geredet werden muß, und sie wissen, wie wenig sich sagen läßt. Aber dennoch könnte ein ferner Beobachter sie für Schelme halten, den Knochigen, den Kleinen und den Krummen.

Anmerkung:
Das Haus in der Potsdamer Straße 75 beherbergte mehr als vier Jahrzehnte lang ein Sarglager. Die Särge ruhten auf einem Marmorboden, und wenn es diesen in der erwähnten Wirtschaft noch geben sollte, dann wird sich der eine oder andere heiliger Trinker quasi auf marmornen Dielen wiederfinden. Joseph Roth selbst wohnte übrigens 1925 im Nachbarhaus, als gewöhnlicher Mieter und damit ganz entgegen seiner sonstigen Unrast, die ihn quer durch Europa trieb, von Hotel zu Hotel.
Ein Sarglager mit Marmorboden von rio de janeirius





Ein Sarglager mit Marmorboden
Der Müllmann


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