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datum: 24.09.2003
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Das Hotel am Potsdamer Platz - Ein zweiter Rundgang (von archivarius)

Seit ich auf der Welt bin, so kommt es mir vor, war ich immer nur damit beschäftigt, Angst zu haben. Vor allem. Und vor jedem. Vor mir selber. Natürlich auch. Die anderen, sie lachten, weinten, machten Erfahrungen und stellten sich großen Herausforderungen. Aber ich. Ich saß immer nur hier. In diesem Lehnstuhl. Und hatte Angst.
Allein schon, dass ich von mir und den anderen spreche, zeigt, wie weltfremd ich geworden bin.

Ich kam hier her, da war ich zwanzig. Schon damals von Angst zerfressen. Doch damals ging es noch um meine Karriere. Und darum, den Anschluss an die Welt nicht zu verpassen. Deshalb kam ich hier her. In eine große Stadt. In ein großes Hotel an einem großen, wichtigen Platz. Der Platz war damals nicht mehr als ein Platz. Und das Hotel war nicht mehr als eine Imbiss-Bude.
Doch damals konnte ich die Zukunft noch sehen.
Das Hotel mit seinen 13 Stockwerken. Ich wusste genau, wie es später einmal aussehen würde. Jetzt sieht es so aus. Aber ich habe keine Visionen mehr.

Unter mir wohnt eine weißhaarige Dame. Sie hat sehr schöne Hände. Sie könnte Klavier spielen, denke ich manchmal, wenn ihre Ohren nicht Attrappen wären.
Gegenüber: ein junger Kerl. Genau genommen eine Dame. Aber wie genau ist denn schon die Kenntnis, die das Geschlecht von sich selber hat? Die Dame jedenfalls, der hübsche Kerl, er wartet auf seinen Traum. Ein mit Gold versiegeltes Schiff, das lautlos über die Wellen gleitet.

Die meisten Tage verbringe ich damit, am Fenster zu sitzen und hinunter auf die Straße zu schauen, wo die Taxis fahren. Wo sie parken, und manchmal nehmen sie auch Leichen mit. Sie halten am Straßenrand und packen die schlaffen Körper in den Kofferraum. Die Fahrt ist dann umsonst. So wie bei Charon, der einen über den Fluss Styx fährt. Er verlangt auch nicht mehr, als dass man bei der Überfahrt ins Reich der Toten seine Klappe hält.

„Stellen Sie sich vor“, hat mich neulich die weißhaarige Dame auf dem Korridor angesprochen. „Ich habe einen Mord beobachtet!“
Ich habe schon viele Morde beobachtet. Ja, stellen Sie sich das mal vor. Ich habe mich selbst schon viele Male getötet. Mir die Eingeweide heraus geholt. Und ich habe auch andere getötet. Aber das sage ich der Dame nicht. Wir lernen uns ja eben erst kennen.
„Sie scheinen sich ja nicht gerade für Morde zu interessieren“, fährt sie fort, als ich nichts auf ihre Äußerung hin sage. Auch ihr Mund ist sehr schön. Ein Apfelschnitz auf einer Himbeertorte.
„Nein“, gebe ich zu. „Meine Frau hat ihren Vater bei uns im Garten umgebracht. Mit einer Flasche Gin und einem Rasenmäher. Seit dem interessiere ich mich nicht mehr für Brutalitäten.“
Was bin ich bloß für ein verdammter Lügner! Ich hatte noch nie eine Frau. Eine zeitlang besaß ich einen Hund. Whisper war sein Name, weil er immer nur ganz leise sprach. So leise, ich habe ihn bis zum Schluss nicht verstanden. Er war blind und lag am liebsten unter meinem Bett. Wahrscheinlich liegt er noch heute dort.
„Ich bin froh, dass sie so denken“, sagt die Dame. „Ich habe nämlich keine große Lust, von dem Mord zu erzählen. Wollen Sie vielleicht einen Gin mit mir trinken?“
„Ja, sehr gerne. Ich will nur eben noch meine Leber aus dem Safe holen.“

Ich weiß, sie ist zu alt für mich. Aber ihre Schönheit macht mir Angst.
Das Hotel am Potsdamer Platz - Ein zweiter Rundgang von archivarius





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