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datum: 05.11.2003
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Komm endlich rueber auf die andere Seite (von archivarius)

1. Die Sterne um mich herum. Ich würde sie gerne anfassen. Wie Brot. Oder Schokolade. Wie ein weiches Kissen mit Gänsefedern darin. Aber die Sterne, sie sind ja zum Träumen da. Und nicht zum Essen oder zum daran herum Fummeln. Gut, dass wir darüber nie geredet haben.
Fernandes kam nicht wieder zurück. Ich wartete lange, hielt Ausschau und beäugte mir jedes Schiff, das vorbei schwamm. Und damals schwammen viele Schiffe hier vorbei. Nicht aber das von Fernandes. Ich dachte oft an ihren Körper. Mit den langen, schwarzen Haaren daran. Mit dem geknickten Schwanz einer gehbehinderten Meerjungfrau. Ja, Fernandes träumte zu viel und bewegte sich zu wenig. Sie fragte zu viel. Und interessierte sich nie für die Antworten.
So war Fernandes. Man durfte ihr niemals seinen ganzen Glauben schenken. Und erst recht nicht durfte man auf sie warten.
Doch ich.
Tat genau das. Und irgendwann lief ich regelmäßig zum Arzt. Sprachlos und krank vor Wut. Mit einem scharfkantiken Anker im Herzen.
Wegen dir, sagte ich.
Selber schuld, sagte Fernandes.
Und ich.
Wartete weiterhin auf sie. Machte meine Fingernägel sauber. Zog mir ein frisch gewaschenes Kleid an. Einen gebügelten Unterrock. Kämmte meine Haare beschwingt gegen den Wind, und warf mir eine Hand voll Schmetterlinge ins Gesicht. Ich wollte doch schön sein.
Für dich, sagte ich.
Schon gut, sagte Fernandes.

2. Ich habe so viele Nächte hier verbracht. Aber nur selten habe ich geschlafen. Es mochte vielleicht so ausgesehen haben. Für das Auge, das von außen auf meine Lider schaute, hinter denen die Kulissen hin und her geschoben wurden, während der Vorhang davor geschlossen blieb. Wenn das Leben ein Musikstück ist, bin ich wohl die Pause darin. Aber was soll’s? Ich weiß ja sowieso immer schon vorher, was kommen muss.
Oben bei den Sternen treffe ich Monsieur. Er durchforstet mal wieder die Zeitung nach besonderen Mordfällen. Nach Geschichten von Tätern, die ihre Opfer sanft, fast liebevoll getötet haben. Im Schlaf sozusagen. Ja, für so etwas interessiert sich Monsieur.
„Sind sie heute ein Mädchen oder ein Bursche?“, fragt er mich, als ich mich neben ihn setze.
„Ich weiß es nicht“, gebe ich zu. „Heute ist irgendwie ein komischer Tag.“
„Ja, da haben Sie Recht“, pflichtet er mir bei und wendet sich dann wieder seiner Zeitung zu. „Wenn Sie wollen“, sagt er nach einer Weile in das Papier hinein, „kann ich Sie töten. Ich habe oben ein recht neues Lasergerät.“
„Vielen Dank“, sage ich. „Das ist sehr nett. Aber – glauben Sie denn wirklich, das würde etwas ändern?“
Monsieur schaut kurz von seiner Zeitung auf und sagt dann fast mitleidvoll: „Nun , wenn ich ehrlich bin – in Ihrem Fall wohl eher nicht. “
„Ich wusste, dass Sie das sagen würden. Dürfte ich vielleicht den Sportteil haben?“

3. Die beiden Herren lesen oft zusammen Zeitung. Immer sitzen sie oben auf dem Dach, egal, welche Farbe das Licht gerade hat. Der eine ist klein, der andere groß, und der Kleine hat immer eine Sonnebrille auf. Egal, welche Farbe das Licht gerade hat. Und der Große ist wunderschön, und seine Augen wechseln die Farben. Je nach dem, welche Farbe das Licht gerade hat.
Komm endlich rueber auf die andere Seite von archivarius





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