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datum: 12.07.2001
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Für Elisa (von translatorius)

Jeden Samstag sitze ich auf meinem Bett und höre Radio. Das tue ich für Elisa.
Ich höre Radio, um ihr nahe zu sein.
Jeden Samstagabend bin ich zuhause und höre Radio.

Meine Freunde rufen freitags und sonntags an. Sie fragen mich, ob ich eingekauft habe, ob ich mich oder meine Kleider gewaschen habe. Ich lächele am Telefon und erzähle ihnen nie, was passiert ist. Sie wissen, dass ich Samstagabend keine Zeit habe. Sie denken, ich höre alte John-Peel-Sessions. Sie glauben, mein Kühlschrank ist voll, wenn ich ihnen von meinen samstäglichen Einkäufen erzähle. Sie denken, mein Bett ist alle vier Wochen frisch bezogen und dass ich regelmäßig meine Wohnung lüfte.
Sie glauben, dass es mir OK geht. Sie glauben, dass, wenn sie sich um mich kümmern, alles in Ordnung kommt.
Sie wissen nicht, wie gut es mir geht.

Jeden Samstagabend bin ich Elisa ganz nahe. Ich drehe den Tuner zwischen 101,6 und 101,7. Ich drehe mich auf das leise Rauschen ein. Ich höre den Äther leiser werden. Ich höre den leiser werdenden Atem der Wellen. Ich vernehme Stimmen. Erst sind sie weit weg, dann werden sie lauter, klarer, durchdringender. Schließlich kann ich einzelne Worte verstehen. Und schließlich höre ich Elisa.

Meine Freunde wissen nicht, wie gut es mir geht. Sie rufen unter der Woche an, denn sie wissen, dass ich samstags nie ans Telefon gehe. Sie denken, ich höre Musik im Radio und mache Notizen. Sie hoffen, ich sitze auf meinem Bett, trinke Bier und wippe mit den Beinen. Sie hoffen, ich habe Spaß. Sie hoffen richtig: ich habe unglaublichen Spaß. Die Freude quillt mir aus den Ohren raus. Ich bin bei Elisa. Oder sie ist bei mir. Zumindest ihre Stimme.

Kurz nach eins bricht der Kontakt immer ab. Die anderen werden lauter, sodass man nichts mehr verstehen kann, ich kann nur noch Fragmente ausmachen, dann werden die Stimmen undifferenzierter, zu einem Brei und gemeinsam werden sie leiser, versickern zwischen 101,6 und 101,7. Das ist der Zeitpunkt, an dem ich immer total sinnlos an dem Knopf rumdrehe, obwohl ich weiß, dass es nichts nützen wird und ich sie eine Woche verloren haben werde. Meine Freunde wissen nicht, was ich dann mache.
Ich sitze auf dem Bett, ein zwei Stunden, und warte darauf, dass das Rauschen des Radios aufhört. Dann ziehe ich den Stecker, zweifellos eine sinnlose und symbolische Handlung, und gehe ins Bad. Dort widerstehe ich dem Drang zu wichsen, putze mir die Zähne und bin richtig deprimiert. Danach lege ich mich schlafen.
Das Radio bleibt Samstagnacht ausgesteckt, damit Elisa mich nicht im Schlaf besuchen kann. Das fände ich echt gruselig.

Wenn meine Freunde mich sonntags anrufen, habe ich es wieder eingestöpselt und höre Grissemann und Stermann.
Für Elisa von translatorius





Pock 1
Für Elisa
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