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datum: 03.03.2004
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TOUR DE FORCE (von pressfleisch)

Ich laufe die Potsdamer Strasse herunter, um von der Berlinale wegzukommen und frische Luft zu schnappen. Gerade noch einen New Hollywood Katalog im Arsenalfoyer erstanden, um die mir liebgewonnene Alternativkultur der später 60iger und frühen 70er mit nach hause zu nehmen. Diese Tatsache stempelt mich ganz klar zum Bildungsdeppen der oberen Mittelschicht ab, denn wer sonst könnte 25 E für einen halbgaren Festivalkatalog lockermachen. Die Leute die im Buchshop arbeiten sind grauenhaft: abgehobenes, affektiertes Getue von Filmposern, wie man das von 99 % aller Leute behaupten kann, die blasiert auf der Berlinale herumspazieren. Eben noch das Diskussionsforum des Festivals besucht, wo Filmwissenschaftler, sich Mühe geben, in akzentlastigem Englisch diffuse Inhalte zu verhandeln und versuchen „kulturell“ zu argumentieren, während die Amerikaner im „business“ sind. Unglamourös laufe ich alleingelassen durch den Nieselregen, aber nur Einsamkeit soll wirklich cool machen. Flash back zum vorigen Abend. „Männer stinken“ meinte gestern im Magnet Club eine bebrillte Lesbe zu ihrer dreadlockbewerten Bikerfreundin, gegen die selbst Rob Zombie, wie eine Oberschüler aussieht und erhebt dabei provozierend ihre Stimme, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich ignoriere sie, hatte ich ja vor dem Gig extra geduscht, was im Vorfeld eines Punkrockkonzerts eher unüblich ist, aber trotz allem, stinkt man eben doch so vor sich hin. SMOKE BLOW rockt gnadenlos ab, ich bangenderweise in der ersten Reihe, mich an der Monitorbox festkeilend, um nicht in den tobenden, bierspritzenden Moshpit gezogen zu werden. Wir haben es hier mit Punkrock und nicht mit Scumrock zu tun, und so sieht der Frontman mit seiner neuen Popperfrisur und seinen Totenkopf-Tattoos aus, wie Jean Paul Gaultier. Die Band spielt FIGHT THE POWER und ab da gibt es kein halten mehr, ich stosse mich zwischen die Leute, kann ein Paar von der Tanzfläche fegen, bis es mich selbst erwischt; wieder hochgerappelt, springe ich weiter herum und schreie FIGHT THE POWER ! FIGHT THE POWER ! Meine Faust ist in Richtung Bühne emporgereckt, eine Pose wie damals im dritten Reich, jetzt unter anderem Vorzeichen. Hätte es damals in Drecksdeutschland schon Rock n´Roll gegeben, hätten die Drecksnazis keine Chance gehabt, und man müsste sich heutzutage nicht dafür schämen ein Drecksdeutscher zu sein. Keine Belüftungsanlage, kein Sauerstoff, die Bewusstlosigkeit ist nahe. Der Sänger schmeisst einen leeren Bierkasten ins Publikum und fängt an sich auszuziehen. Ich springe nach vorne, um zu sehen, ob er einen grösseren Schwanz hat wie ich. Nein auch nicht, aber wenn man in Action ist und sich vor Publikum ausziehen muss, ist er sowieso nie so gross. Probleme, die Mädchen nicht kennen, im Gegenteil, unter Stress oder in kaltem Wasser wirken Titten knackiger und hängen nicht so durch. Der Sänger gibt unterdessen alles, hat immer noch die Hosen unten, und hält sich mit beiden Händen den Arsch auf, drückt ihn dem zweiten Sänger ins Gesicht, der mit einem gebrochenen Fussknöchel und seinen Krücken manövrierunfähig auf dem Boden herumliegt. G.G. Allin wäre jetzt noch weiter gegangen, hätte seine eigenen Fäkalien auf der Bühne verteilt, die nächstbeste langhaarige Schlampe an den Haaren gepackt und ihr seinen vollgeschissenen Arsch ins Gesicht gedrückt. Das Konzert findet sein abruptes Ende, weil das Zenit überschritten ist, dagegen waren die DISTILLERS am Tag zuvor ne echt cleane Nummer, die es angehen könnte, als Platzhalter für vergangene Superbands wie NIRVANA und HOLE herzuhalten. Schroff werde ich aus meinen Gedanken gerissen, schleppe mich weiterhin schwerfällig in meinen Bikerboots die Potsdamer herunter, während ein paar Gangbanger dicke Luft machen. Ich versuche mich unauffällig zu verhalten, um nicht Fokuspunkt ihrer Aufmerksamkeit zu werden. Man will ja „kulturell“ rüber kommen und nicht zwei Vorderzähne in einer Strassenschlägerei gegen ein paar Fuck-ups einbüssen müssen. Ein Vorgang, der die Erfolgschancen bei Frauen ernsthaft schmälern könnte. Früher war ich da weniger zimperlich, aber es kommt eben im Streetfighting darauf an wer rücksichtsloser ist. Die Jungs könnten auch Kampfsport geübt sein, die einzige Waffe wäre mein Gürtel, dessen Schnalle ich einem der Bastarde ins hässliche Gesicht schlagen könnte. Ich stelle mir vor, wie ich einen der Typen vor mir auf dem Boden habe, immer wieder in sein blutiges Gesicht schlage bis die deformierte Fresse bei mir einen derartigen Brechreiz erzeugt, dass ich über ihn drüberkotze. Wieder zurück in der Realität, ist aber alles gut gegangen, der miefige verpisste Geruch des U-Bahnhofs Kurfürstenstrasse empfängt mich schützend wie das Foyer eines Berlinaleempfangs. Ex est ? Ich setzte mich auf die Wartebank, während ein paar Lowlifes in der Haltestelle herumstreunen, um zwielichtige Deals abzuchecken. Eine durchgelassen aussehende Brünette versucht mit mir Blickkontakt aufzunehmen, doch allein der Gedanke, dass sie heute schon etlichen Freiern ihre Muschi für ein paar Euro zur Verfügung gestellt haben könnte, törnt mich total ab. Ich stelle mir vor, eine Anzeige im TIP-Magazin aufzugeben: „Suche Freundin um die Welt kennenzulernen. Voraussetzung abgeschlossenes Uni-Studium, Fachrichtung egal. Eigentumswohnung, oder entsprechender finanzieller Nachweis. Gesundheitsgutachten, dass keine ansteckenden Krankheiten oder AIDS vorliegt.“ Die Erfolgsaussichten sind wahrscheinlich minimal, nachdem die gutbürgerlichen Damen schon an der Uni fest vergeben werden, da bleibt dann nur noch der Ausschuss über. Ich versuche also Blickkontakt mit der Brünetten aufzunehmen, aber sie wird schon einem manteltragenden Arschloch angequatscht. Die Gangbanger kommen die Treppen zur Untergrundstation herunter und nehmen mich offensichlich doch noch ins Visier. Ich stehe auf und gehe in die entgegengesetzte Richtung. Sie werden schneller und ich lege ebenfalls einen etwas zügigeren Schritt zu. Die Bahn kommt an und ich kann in den hintersten Wagen einsteigen. Ich fühle mich wie in dem New Yorker Gangfilm THE WARRIORS. Die Türen schliessen sich und ich wähne mich in Sicherheit. O.K. wir sind hier aber nicht in New York, was nicht nur am eklatanten Frauenmangel, sondern auch am Kopierwahnsinn deutlich wird. Du gehst in eine Kneipe, die Bedienung quatscht Dich in englisch an und du bestellst dein Bier auf deutsch: das Ergebnis ist Hass auf beiden Seiten. So tun als ob man in New York ist, hat aber immer diesen Fake-Touch, aber besser Fake als überhaupt nicht. In London wurde ich mal von einer Bedienung zum „Bitte“ erzogen. Ein Pub in Camdentown: die Frau hinter dem Tresen will ein „please“ hören, sonst gibt’s kein Bier, Ich tue ihr also den Gefallen. Please my ass…, wenn man hier in Berlin beim bestellen „bitte“ sagt, geht man schon halb als Höflichkeitsschwuchtel durch. Nächste Station, zwei Typen in Sportjacken steigen ein, sie riechen förmlich nach Kontrollfreaks. Tatsächlich, geht, sobald die Türen dicht sind, der Kontrollwahnsinn los, „Fahrausweise bitte“. Der Fucker mit den zwei Frauen neben mir verhält sich äusserst uncool und haut das Kontrolleursschwein mit „Hee Du bist doch unser Freund“ an, und dieser antwortet mit „Na endlich erkennt das mal jemand !“. Ich würde gerne beide zu Boden treten und beiden meine Bikerboots in die brechenden Rippen treten „Shut the fuck up, shut the fuck up you fuckin´ fuck !“. U-Bahnstation Wittenbergplatz, ich steige aus und nehme die Linie in die entgegengesetzte Richtung. Ich steige Kurfürstenstrasse wieder aus und bin wieder auf der Potsdamer. Ein Hund bellt mich an, ich sage ihm er solle sich ruhig verhalten, tut er aber nicht. Ich laufe weiter und immer weiter in die dunkle Nacht hinein, bis ich von einer Gestalt angehauen werde. Es ist Mike auf dem Weg in sein Atelier. Ich gehe mit ihm, um seine neuen Bilder zu sehen, die satanischen Inhalt haben sollen. „Hast Du schon einmal an einer schwarzen Messe teilgenommen?“ fragt er mich „Bis jetzt nur drüber gelesen und in dem Zusammenhang nichts positives, ausser dass ein Death Metal Skandinavier namens Christian Vikernes vorhatte, nachdem er schon ein paar Kirchen abgefackelt hatte, es mal mit 100 Kilogramm Sprengstoff so richtig fetzen zu lassen.“ Im Atelier angekommen, stellt er mich Marcy vor, die es sich auf der abgewetzten, ab immer noch sehr stylisch wirkenden Couch bequem gemacht hat. „Wanna travel to another dimension ? You came to the right place.“ meint sie mit der überzeugenden Stimme einer Amerikanerin. Sie hat mehrere Lines vorbereitet und wir ziehen uns erstmal ne ordentlich Ladung durch. Schon fühlt man sich entspannter, ich gehe mit Mike die Bilder durchsehen. Schöne Arbeiten, in dunklen Farben, welche an gemaltes Exkrement oder koaguliertes Blut erinnern. Nackte blässliche (tote?) Frauen liegen auf drapierten Gewändern in, mit Kandelabern ausgestatteten, Kellergewölben herum. „Woher nimmst Du Deine Inspiration ?“. „Von Marcy, …sie ist eine wiedergeborene Hexe, die in Salem während der Hexenprozesse gefoltert und dann bei lebendigem Leib verbrannt wurde.“ Wir gehen zurück zum Sofa, wo schon neue, frisch zerstäubte Lines, darauf warten gezogen zu werden. „Ist das Methamphetamin?“ Marcy hat eine flashartige Pupillenveränderungen und antwortet „Nein nicht direkt, es ist eine sehr persönliche Mischung. I can guarantee that you will love it.“. Ich kann mit der Okkultschiene eigentlich nicht so viel anfangen und sage „Ich muss jetzt gehen“. Wieder an der frischen Luft, bekomme ich Herzrasen und muss immer weiter gehen ohne nachzudenken, ohne das Ziel festlegen zu können. Fremdkontrolle, ich bin ferngesteuert, meine Körperfunktionen sind ausser Kontrolle, der Kontrollwahnsinn wäre mir jetzt äusserst willkommen. Ich müsste nur das Zauberwort „Fahrkartenkontrolle“ aussprechen und mein Herzschlag würde wieder auf die richtigen Beats per Second einschlagen. Stoff macht mich auch immer geil, ich habe einen stehen und muss etwas gebückt laufen. Nachdem sich mein Zustand etwas gebessert hat, befinde ich mich vor dem Ex & Pop. Ich bewege mich, ohne Aufsehen erregen zu wollen in Richtung Toilette. Das Klo ist leer und ich kann einen Blick in den Spiegel werfen. Ich sehe aus wie ein ausgebleichter Fixer im Fieberdelirium. Scheiss Drogen, die bringen einem doch immer nur runter, aber nein sagen ist auch immer schwierig. Eine imaginäre Kamera hält von hinten auf mich drauf, halbnahe Rückenansicht, mein Gesicht im Spiegel. Ich bewege den Kopf in Richtung Waschbecken, um mir das Gesicht zu erfrischen; die Kamera schwenkt aus dem Spiegelabbild mit mir hinunter ins Becken. Ich komme hoch und sehe im Spiegel hinter mir Joe Spinell stehen, der mir mit einem Jagdmesser den Adamsapfel in der Mitte auseinanderschlitzt. BLOOD ALL OVER THE PLACE. Ich versuche zu schreien, aber nichts geht. Ein präziser Schnitt, alles vorbei. Joe Spinell ist verschwunden und das Blut auch. Ein Horrorflash, das hat mir gerade noch gefehlt. Nur raus hier sonst kommt die Paranoia hoch, raus aus dem Klo, ran an den Tresen und erstmal zwei Bier bestellt. Die Transe mit Gummititten zapft mir zwei Frische und langsam normalisiert sich das Realitätsschema. „Hier Süsser…“. Ich nehme das eine Bier und ziehe den kompletten halben Liter mit einem Zug runter; ein Ritual aus alten Zeiten. Mit dem zweiten Bier gehe ich zu einem Tisch. Seltsamerweise habe ich immer noch meinen New Hollywood Katalog dabei.
Der amerikanische Undergroundfilmer Nick Zedd, der zwar keine New Hollywood Hippie-Scheisse, sondern Punkfilme gedreht hat, die niemand sehen wollte, meinte einmal “Germany is a timid and feeble nation that looks to America for all its trash.” Im Moment wäre es mir etwas untrashiger eigentlich lieber, aber zu meinem Unglück steht plötzlich die Bikerbraut vom letzten Konzert neben mir und fragt „Na alles klar in der Hose ?“ „Ja schon, und bei Dir ?“ „Alles locker Baby.“ Ich mache, dass ich mein Bier leertrinke und verlasse den Laden so schnell als geht. Ich winke ein Taxi heran, gebe Instruktion die Potsdamer wieder in Richtung Leipziger Strasse hochzufahren. Der Taxifahrer dreht den Kopf, ich sehe ihm ins Gesicht, es ist Joe Spinell. Jazzmusik dringt aus dem Fahrzeugradio.
Ich: „Du bist nicht real. Du bist irreal.“
Joe: „So ist es.“
Ich: „Warum bist Du hier ?“
Joe: „Um Deinem überflüssiges Leben zu einem letzten Höhepunkt zu verhelfen.“
Ich: „Willst Du mich umbringen ?“
Joe: „Nein ich will Dir das Gesicht vom Knochen schälen, es komplett abziehen, um Deine Augenmuskulatur besser betrachten zu können.“
Ich klappe meinen New Hollywood Katalog auf, der innen quadratisch ausgeschnitten ist. Ich nehme das eingelegte Klappmesser heraus, lasse die Klinge aufschnappen und ramme ihm das Messer in seinen fetten Bauch.
„Die motherfucker die !“
Der Joe-Spinell-Cabdriver fängt an zu bluten, Ich ziehe das Messer aus seinem weichen fetten Wanst und ramme es wieder und wieder mit solch einer Wucht hinein, dass meine Hand durch den Schnitt in das weiche Gewebe miteindringt. Joe sagt nichts, kein Ton dringt aus seinem geöffneten Mund. Ich lasse das Messer fallen, ramme den kompletten Unterarm in sein Abdomen, reisse ihm die vollgeschissenen Gedärme heraus und drücke sie ihm ins ausdruckslose Gesicht.
Ich wache auf Mike´s Sofa auf und bin immer noch im Atelier. Kein Joe Spinell, nur….Marcy die leise vor sich hinstöhnt ohne dass abzusehen wäre, warum sie so erregt ist. Ich bekomme meinen Kopf in Tischhöhe, eine halb gezogene Line ist immer noch zu haben. Ich rapple mich hoch und laufe geschwächt in den hinteren Bereich des Atelierraumes, weg vom Leben, näher zur Kunst. Bilder haben etwas magisches an sich.
TOUR DE FORCE von pressfleisch





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