sitzung: 1 [ Protokoll ]
datum: 21.04.2004
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12. Der Gehängte. (von archivarius)

Mein Leben, weder hier noch dort, war bislang nicht besonders großartig. Auch nicht verschwindend klein. Nicht amüsant, nicht lächerlich, nicht von Liebe, von Hass oder der Mischung aus beidem (Ehrgeiz) getrieben. Mein Leben, so könnte man vielleicht sagen, verkörperte nicht mehr als eine Absicht. Und es war ein kleines, mit dem Kopf nach unten baumelndes Mädchen, das mich darauf aufmerksam machte. Also dachte ich kurz darüber nach, die Kleine umzubringen. Doch dazu musste ich erst einmal lebendig werden. Irgendwie.

Woolworth. Ich liebe Woolworth. Ich kaufte mir eine Perücke dort. Zum Leben braucht man schließlich eine Frisur. Dachte ich.
Zwei Dutzend Zähne ließ ich mir in eine Plastiktüte packen. Ja. Und eine enorme Menge Essen obendrauf. Eine Faust, um auf den Tisch zu hauen. Und das war eigentlich schon genug.

Mein Psychiater sagte: „Das ist Ihr Problem. Sie haben keine Kindheit gehabt.“ Keine Malbücher mit lächelnden Pferdchen darin. Keine Bauklotztürmchen, die hoch hinaus wollten Keine lächelnden Eltern, die wie Bauklotztürmchen in sich zusammenfielen. Eben. Ich habe keine Eltern gehabt. Aber das war nicht das Problem.
Mein Psychiater sagte: „Das ist Ihr Problem. Sie haben keine Pubertät gehabt.“ Keine unreine Haut, keinen Weltschmerz, kein Warten auf den ersten Sex (bestenfalls mit einer Frau), keinen Ekel danach. Ich habe mich selbst berührt, mich selbst geküsst, mir Pickel auf den Arm tätowiert. Mir fehlte nichts. Das war nicht das Problem.
„Sie sind nicht erwachsen geworden. Das ist ihr Problem“, sagte mein Psychiater. Habe ewig nicht gemerkt, dass man mich jahrelang verarscht hat, damit ich mich später selbst verarschen kann. Habe mir keinen Job gesucht. Keine Frau, kein Fitnesszentrum, keinen Zankapfel, habe nicht einmal meine Haare oder Zähne verloren, und meine Faust ist noch immer glatt wie ein Bügeleisen.
„Genau! Das ist ihr Problem!“, rief mein Psychiater plötzlich aus, „Sie haben ja gar keinen Körper.“

Das war zweifellos. Ganz richtig. Ich stellte die Sitzungen ein, und begann mich über die Nachbarskinder zu ärgern, über ihre falschen Fragen und ihre falschen Fröhlichkeiten, die mich quälten, ja, das taten sie! Die ich am liebsten eingefangen und aufgehängt hätte. Ich, der nette Onkel von nebenan. Ha.
Während das Mädchen an meiner Wäscheleine baumelte, kopfüber, sodass ihre blonden Locken über den staubigen Fußboden husteten, sah ich durch die Dachluke hinüber in den Nachbargarten, und zu meinem Entsetzen ertappte ich mich dabei, wie ich in meinem Sonntagsanzug in der Hollywoodschaukel saß, dümmlich grinsend, an einem rosafarbenen Eiszapfen saugend. Ich fuhr herum, und wollte das Mädchen von der Leine reißen. Aber da hatte sie bereits diesen gelb leuchtenden Ring um ihren Kopf.
12. Der Gehängte. von archivarius





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