sitzung: 1 [ Protokoll ]
datum: 21.04.2004
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Cave Canem (von translatorius)

Ich kann dich sehen. Glaube nicht, dass ich dich nicht sehen kann. Wenn ich am Feuer sitze, in meinem Bett mich wälze, in den Spiegel blicke, kann ich dich sehen, Daimon. Und wenn ich dich sehe, Daimon, kann ich dich binden. Ich habe die Schrift entziffert, Daimon, ich habe keine Angst. Ich halte meine Lenden und durchspieße dich mit meiner Kraft. Daimon, in diesem Kreis bist du mir untertan.

Sie steht bis zu den Hüften im Wasser. Ich sehe, wie sie sich nach unten beugt, ihr Haar fällt ins Gesicht, sie greift zwischen die Wellen und zieht einen Fisch an die Luft. Er zappelt in ihrer Hand und sie begrüßt ihn freundlich. Hallo, kleiner Freund. Dann verfüttert sie ihn an ihre Hüften. Sie wirft ihren Kopf zurück, sie lacht und schüttelt sich das Wasser aus dem Haar. Kleine Wassertropfen umtoben sie wie Feuerfunken und bilden einen Regenbogen, unaufdringlich leuchtend. Sie wirft ihren Kopf von einer Seite zur anderen. Die Wellen umspülen sanft ihren Unterkörper. Der Himmel ist blau und wolkenlos. Windstill. Sie dreht sich halb nach hinten, greift ins Wasser und zieht ein Boot hervor. Die Mannschaft stiebt auseinander, einzelne Männer fallen zappelnd in die Gischt, tropfen hilflos in die Flut. Ihr Unterleib beginnt sich zu bewegen, ich sehe, wie sich das Meer rot verfärbt, nur kurz, die Sonne brennt vom Himmel und ein unauffälliger Regenbogen krönt ihren Kopf, während sie nach unten blickt und ihren Unterkörper windet, bis die Wasseroberfläche wieder ganz blau und friedlich ist. Die Wellen plätschern ruhig in ihrem Bauchnabel. Sie sieht nach oben. Sie sieht mich an.

Wenn ich dich nicht sehen kann, weil ich meine Augen geschlossen habe, weil ich träume oder den Abwasch mache, weil ich in andere Augen sehe oder mich auf den Verkehr konzentriere, bist du mir ganz nah. Ich kann dich an meinem Hinterkopf spüren, einen Zentimeter von deinem Versprechen entfernt, dem endgültigen, Vergessen bringenden, dem Versprechen, das du noch nicht eingelöst hast. Wenn ich dich sehen kann, bin ich hier, und du bist woanders, und ich spüre dich nicht an meinem Hinterkopf, ich spüre dich nirgendwo, und auch wenn ich dich mit meinen tränenden Augen mehrfach zu sehen scheine, und auch wenn ich mir Blut zwischen die Brauen oder Sperma in den Bauchnabel schmiere, bin ich hier und du bist woanders, und ich spüre dich nicht mehr.

Sie sitzt mir gegenüber und ich schlage ihr ins Gesicht. Sie zuckt zurück, greift mit ungläubigem Blick an ihre Wange und versucht, aufzustehen. Ihre Weigerung, zu schreien oder zurückzuschlagen macht mich wütend. Ich stehe auf und schubse sie hart gegen die Wand, trete ihr in die Kniekehlen, bis sie am Boden liegt, und dann treibe ich ihr den Dämon aus. Dreimal, viermal, ich hole Bruder K., und er macht weiter, sie schreit schon lange nicht mehr und ich bin mir sicher, dass der Teufel längst nicht mehr in ihr ist, denn der Teufel liebt das Lebendige, Wohlgeformte, also mache ich das Fenster auf, und lasse ihn hinaus. Bruder K. und ich setzen uns schließlich. Ich frage ihn, ob er ihn gesehen hat. Er verneint. Mir geht es genauso. Wenn ich die Augen schließe, ist er mir ganz nah. Wenn ich sie öffne, ist er verschwunden. Ich stehe auf und wasche mir die Hände.
Cave Canem von translatorius





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