sitzung: 2 [ Protokoll ]
datum: 05.05.2004
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9. Der Eremit. (von archivarius)

Ich bin das Kind einer Frau. Ich halte nicht viel aus.
Mit platten Händen mit nichts darin, so befühle ich meine Welt. Und die Zeit, die zwischen mir und ihr verläuft, schlängelt sich durch einen Pfad, der so eng ist, dass neben meinem Stiefel kein zweiter seinen Platz findet. Ich mache mich so dünn als möglich, aber es nützt nichts. Meine Zeit, sie gehört mir nicht.
„Zwing dich nicht zum Leben“, riet mir meine Mutter jeden Abend, damals, als sie mich noch ins Bett brachte. Als sie mich noch an-, aus- und erzog. Ohne einen Mann, und sie meinte damit, dass ich einen Platz beanspruchte. Egal, ob ich das wollte oder nicht. Dass ich das Gras, die Tiere, den Sand unter mir zertrampelte, eine Schneise in die Erde grub, auch dann, wenn sich der Boden hinter mir wieder verschloss.
Was sie meinte, war, dass ich existiere. Existieren muss.
Dass es mir nicht zustand, meine Stiefel auszuziehen.

Ja, sie war eine schöne Frau, meine Mutter!
Mit silbernem Haar, das im Mondlicht verschwand. Und mit Augen wie die einer Kartoffel, deren Tiefe man nur dann erahnte, wenn man mit einem Küchenmesser darin herumbohrte. Doch erschließen ließ sich die Tiefe letztendlich nicht. So gierig man auch versuchte, ihr habhaft zu werden, ihr mit allen möglichen Geschützen zu Leibe zu rücken. Was man aufriss, war ja nichts weiter als der Weg in die Tiefe, ein Tunnel, ein Loch, eine Vorstellung von Macht. Tiefe hat nichts mit Raum zu tun. Nichts mit mechanischer Fortbewegung, da war sich meine Mutter sicher, als sie unter einem mächtigen Schatten im Heu lag und von eins bis hundert zählte.
Also kam ich zur Welt. Zwei Monate zu früh und unter einem überdimensionierten Eiszapfen.

Wannimmer meine Mutter später mitansehen musste, wie sehr ich mich trotz ihrer allabendlichen Lektionen, zum Leben zwang, drehte sie ihren Kopf um 90 Grad, um nicht mich, sondern die Wand anzuspucken. Ihr gefiel mein Hang zur Dramatik ebensowenig wie ihr die Tatsache behagte, dass der Eiszapfen ausgerechnet in jenem Augenblick von der Decke gefallen war, als ich meinen monströsen Säuglingskopf aus ihr herausgestreckt hatte.
Es sind die kristallklaren Gedanken, die mich hin und wieder irritieren. Dass das Erlebnis von Realität oft wie der Blick auf eine frisch polierte und scharf gestellte Gegenwart ist. Dass meine Gedanken zu dieser Gegenwart werden und den Blick auf das freigeben, was sich hinter alle dem bewegt, gerade so, als gäbe es ein Bild davon.

Niemand weiß, wo meine Mutter steckt. Was sie plant und was sie davon abhält. Alle kennen nur ihr silbernes Haar, das sich auflöst, sobald es dunkel wird. Oder sobald ein Ego ihren Weg kreuzt, das behauptet dass es öfter dunkel werde, als Tage vergehen.

Viele Jahre stiefelte ich durch den Wald. Und jeder Mensch, der mir entgegenkam, musste durch mich hindurchgehen. So schmal blieb der Pfad, so eigensinnig meine Zeit, die sich von nichts in der Welt aufhalten ließ. 30000 Menschenseelen sind durch mich hindurchstefiefelt. 9868726876 Fliegen sind durch mein Gesicht geflogen und 768736 Hunde durch meine ausgestreckte Hand gesprungen. Nichts ist von den Jahren geblieben, außer den Stiefeln, die ich mir aus den Haaren meiner Mutter gewoben hatte. "Wer etwas von sich hergibt, wird sich weniger allein fühlen", hatte sie gesagt, bevor sie in der Wand verschwand.
9. Der Eremit. von archivarius





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