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datum: 15.06.2004
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15. Der Teufel. (von archivarius)

Als ich zurück in meine Wohnung kam, mit einem Schmierfilm auf der Haut (teils eingebildet, teils real), stieg ich zuerst auf den Dachboden. Die Fenster waren allesamt verschlossen, die Luft wie eine Ohrfeige. Drüben, in der Ecke, hing noch immer das Mädchen an der Leine, das rechte Bein angewinkelt, das Gesicht von mir abgewandt. Überwältigt von der Hitze und den Symptomen meiner unmittelbar einsetzenden Schweißallergie, riss ich mir das Hemd aus der Hose und das nächstbeste Fenster auf. Unten im Nachbargarten quietsche die Hollywoodschaukel.

Es gibt Momente, die finden außerhalb unserer Kontrolle statt. Einige davon machen uns glücklich, weil sie in eine Dimension verweisen, die man mit dem Kopf nach oben nicht erleben kann (und die einen deshalb auch nicht von den Füßen reißen). Alpha-, geglückte alkoholische Rausch- sowie Verliebtheits-Zustände sind darunter zu rechnen. Die anderen Momente: Auch sie würden uns glücklich machen, wenn wir sie nur ließen. Wenn die Lampe in unserem Kopf nicht immerzu auf Rot schalten, wenn wir den Verkehr nicht immerzu zum Erliegen bringen, wenn wir nicht immerzu auf dem Standstreifen an den flackernden Dimensionen vorbeipreschen würden. Wenn wir die anderen Momente zuließen, dann hätten sie eine Chance. Und wir könnten mit nur einer Hand deren Rhythmus klatschen.
Jedenfalls. Das Quietschen. Es wehte zum Fenster herein und ich konnte es sowohl hören als auch sehen. Ich meine, es war gruselig, weil niemand in der Schaukel saß.

"Hör zu", sagte ich zu dem Mädchen, nachdem ich es von der Leine geholt hatte, und es sich nun schwankend an meiner Krawatte festhielt. "Ich hab eben mit deiner Mutter verkehrt" (und jetzt lach nicht. Ich weiß selbst, es klingt verkehrt!).
(Schon gut, ich lache nicht.) "Du meinst meine Großmutter", korrigierte mich das Mädchen und nahm mir das Seil aus der Hand.
So kam es mal wieder. Dass ich den Halt verlor. Dass der Boden unter dem Ansturm der Zikaden wegbrach. Tausende, die hinter meinen Augen zirpten und sich an meinen Verstand klammerten . So kam es mal wieder. Dass ich zu Trude ging.

Ich habe Trude in meinem Leben schon so viel Geld gegeben, dass ich zwischenzeitlich dreimal zum Mond fliegen könnte ... Aber was sollte ich auf dem Mond? ... Und wie sollte ich dreimal dorthin fliegen, ohne zwischendurch auch mal wieder zurückzukommen? ... "Stell dich nicht so blöd an!", sagte Trude, "Das ist schon möglich!" Natürlich. Alles war bei Trude möglich. Vor allem dann, wenn sie mal wieder ganz dringend Geld brauchte.
Trude war nicht die einzige Hure, zu der ich ging, aber sie war die teuerste. Sie verlangte alles und gab nichts. Sie verlangte, dass ich mich auszog, sie verlangte, dass ich mich duschte, sie verlangte, dass ich vergaß, dass mein Leben keinen bestimmten Sinn ergab, und dass ich mich auch der Länge nach aufschneiden und mich wie ein Teppich vor ihr Bett hinlegen könnte, und auch das würde nicht mehr oder weniger Sinn ergeben.
"Sinn", so sagte Trude, "ist lokalisierbar. Und wenn du ihn hier nicht findest, dann geh in eine andere Stadt und such dort nach ihm. Grabe von mir aus den Erdboden um. Arbeite dich vor bis zum Mittelpunkt der Erde. Ich sag's dir: Irgendwo muss er stecken. Der Sinn. Wenn so viel Leute von ihm sprechen, dann MUSS er ja wohl irgendwo herumliegen!"

Also ging ich eines Tages davon. Mit einem Spaten in der Hand und einem Beutel Proviant auf dem Rücken, denn ich wusste ja nicht, wie lange die Reise dauern würde.
15. Der Teufel. von archivarius





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