sitzung: 11 [ Protokoll ]
datum: 02.12.2004
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18. Der Mond (von archivarius)

Wenn Traum und Hoffnung miteinander kämpfen, kommt Angst dabei heraus. Weil Träume auf Ziele scheißen. Die Hoffnung aber nicht. Weil jede Hoffnung Zeit braucht. Vergangenheit und Zukunft. Träume aber nicht.
Ich habe geheult. So viele Nächte. Durchgeheult. Den Mond angeheult. Die Macht, gegen die ich nicht ankam. Und auch nicht ankommen wollte. Zu weit weg war er. Der Mond. Zu abstrakt. Was wusste denn ich, wie sich der Mond dort oben fühlte?
Wie er sich auf der Haut anfühlte?
Wie er sich dort innen drin anfühlte?
Seit ich mich erinnern kann, war er jeden verdammten Abend dort oben. Am Himmel. Mal mehr, mal weniger, jedenfalls nicht eine beschissene Nacht, in der er zu spät kam. Der Mond. Keine Ferien, kein Umzug, keine Grippe. Ja was?
Ja, genau. Was wohl?
Das sagte er: "Nur wer absolut frei ist, kann über Jahrtausende immer zur selben Zeit am selben Platz erscheinen." Ich hatte mich in einen Werwolf verliebt.

Das war nicht einfach, und es war auch ein bisschen gefährlich. Er kannte das Gefühl von Diskriminierung, und ich kannte es natürlich auch. Er hatte diese Persönlichkeitsstörung, wie man so sagt. Und ich hatte sie natürlich auch. Diese Wunden im Gesicht. Am Hals, an den Armen. Einmal im Monat lief er weg. Und ich. Ich tat es auch. Aber wenn wir zusammen waren, dann spielte das keine Rolle. Dann blieben wir bei uns, wie man so sagt. Denn man kann vor sich selbst nicht weglaufen. Denn Fell und Haut, Wolfsgebiss und Geschlecht. Das verlässt einen nicht.
Zu meinen Freunden sagte ich immer, dass es Brombeeren gewesen seien, die uns so zerkratzt hätten. Rosen wären natürlich romantischer gewesen. Aber Rosen kamen in meinem Traum nicht vor. Eine Dornenkrone gab es. Sie hatte urplötzlich in der Luft gebaumelt. Irgendwann glaubte mir keiner mehr.
Also gab ich zu, ein Werwolf zu sein. In der Gewalt des Mondes zu sein. In der Gewalt meiner Aggressionen, von denen ich ahnte, wie sie sich außerhalb von mir aufführen würden. Nein, ich bin kein Werwolf, der auf Menschenjagd geht. Ich bin einer, der sich selbst zerfleischt. Einmal im Monat. Wenn der Mond ganz weich und rund ist. Dann heißt es, ich habe eine Persönlichkeitsstörung. Dann heißt es, ich komme mit dieser Welt nicht zurecht. Dann heißt es, ich sei zu oft woanders. Zu tief in mir drin. Zu sehr mit meinem ganz persönlichen Mond beschäftigt.

Deshalb war es gut zu wissen, dass auch er den Mond anheulte. Dass er nackt im Wald herumrannte und genau wusste, dass man nicht vor sich selbst davonlaufen konnte. Ich hatte nie Angst, dass er mich verletzen würde. Im Gegenteil. Seine Verletzungen machten mir Mut. Liebe, wie man so sagt. Ich gab mich ihm hin. Dem Mond. Mir selbst. Ja, das ging. Alles zusammen. Perfekt, wie man so sagt. Bis er mir eines Tages eben doch seine Zähne ins Herz rammte.
"Du bist kein Mann", sagte er zu mir. "Und außerdem", fuhr er fort, "hast du keine Nase im Gesicht. Weißt du das?"
Ja. Ich wusste das. Ich hatte mir beides abgeschnitten. In einer Nacht, da ich mich selbst anheulte, und als ich am nächsten Tag aufwachte, fühlte sich die Welt ganz komisch an. Als hätte ich mir alles abgeschnitten. Meine Träume, meine Vergangenheit, den Weg in die Zukunft. Also schnitt ich mir auch noch das Ohr ab. Denn das, so dachte ich, würden die Menschen wenigstens verstehen. Ich wünschte, ich hätte sagen können, dass ich es mir für ihn abschnitt. Für meinen Geliebten, den Werwolf. Aber den lernte ich erst sehr viel später kennen. Als schon längst kein Blut mehr aus der Wunde floss.
18. Der Mond von archivarius





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