sitzung: 13 [ Protokoll ]
datum: 21.01.2005
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16. Der Turm (von archivarius)

Am höchsten Turm treffen wir uns. Du und ich.
Du sagst, dass man Wege beim Gehen nicht bauen, sondern einfach nur benutzen soll. "Einfach", schnaube ich.
Am höchsten Turm treffen wir uns. Du und ich. Wir steigen die 8564 Stufen hinauf, ich vornweg, du hinterdrein, immer im Kreis, bis sich die Treppen selbst hinaufsteigen, das Denken sich selber denkt, und dann sind wir oben, ich und du, blicken hinüber. Ganz weit in die Ferne. Dorthin, wo sich der Blick selbst anschaut.
Auf dem höchsten Turm stehen wir. Du und ich. Ich halte einen Regenschirm in der Hand, denn es könnte ja regnen. Und weil es auch noch stürmen könnte, halte ich den Schirm fest umklammert.
"Gib mir die Handtasche", sagst du. Und ich reiche dir den Schirm. "Danke", sagst du, nimmst den Regenschirm entgegen, hebst ihn hoch über deinen Kopf und dann weit über die Brüstung der Plattform hinaus, hängst den Schirm in den Wind hinein.

Um den Turm, den Höchsten, einmal zu umrunden, braucht der Schirm eine Stunde. Oder eine Minute. Oder eine Sekunde. So lange jedenfalls, wie man braucht, um eine Stunde, eine Minute, eine Sekunde an seinen zehn Fingern abzuzählen.
Du: "Ich bin übrigens nicht Artus."
Ich: "So etwas dachte ich mir schon."
Und ich dachte es mir wirklich. Denn Artus hatte tintenblaue Augen. Er hatte ein Schwert. Er hatte eine Schwester. Er war voller Sanftmut, träumte die meiste Zeit und schlief schlecht. Nicht gerade praktisch für einen König. Eine Zeit lang wollte er einfach nur in Ruhe gelassen werden. Auch nicht gerade praktisch für einen König.
Artus war eine Frau. Ich habe ihn geliebt.
Fast hätte ich ihm den Kelch gebracht. Den Springbrunnen, das ewig fließende Wasser, die Taube, die Oblate. Aber dann war es doch nur Wein, was ich ihm reichte. Und seine anschließende Trunkenheit war eine ganz gewöhnliche. Auch er hat mich geliebt. Hätte man mich am nächsten Tag in seinem Bett gefunden, man hätte mich wahrscheinlich umgebracht. Also schnitt ich mir die Haare ab, legte sie auf das Kissen neben ihn, nahm sein Pferd und ritt im Morgengrauen davon. Diese Geschichte habe ich bereits erzählt.

Um den Turm, den Höchsten, halb zu umrunden – "Was jetzt? Halb oder rund?" "Halbrund." Das war ich, der das sagte, und du warfst mir Unschlüssigkeit vor. Du: "Entscheidungen sind da, weil man sie fällen muss." Ich: "Schon gut."
Um den Turm, den Höchsten, einmal zu umrunden geteilt durch zwei, braucht es so lange, wie man braucht, um durch eine Wand zu sehen. Wie man braucht, um sich zum Mittelpunkt der Erde durchzugraben.
Ich: "Wo ist eigentlich dein Spaten?"
Du: "In der Handtasche dort."
Ich: "Hast du die Kiste gefunden?"
Du: "Nein."
Ich: "Wirst du weitersuchen?"
Du: "Vielleicht."
Ich: "Wovon hängt das ab?"
Du: "Ob wir gemeinsam springen oder nicht."

Von einem Turm, dem Höchsten zu springen, braucht es ein ordentliches Maß an Verzweiflung. Oder einen sehr guten Grund. Um von einem Turm, dem Höchsten, zu springen, braucht es Zeit. So lange, wie ein Körper braucht, um mit der Tatsache, unten aufzuschlagen, vertraut zu werden.
16. Der Turm von archivarius





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