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datum: 09.02.2005
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Biblothekaries (von archivarius)

Hilde musste gewusst haben, dass ich einige Leben später öfter mal an Zahnschmerzen leiden sollte. Warum hätte sie mich sonst so emphatisch in ihre Zahnheilkunde einweihen sollen?
Damals arbeitete ich in einer ziemlich verstauben Büchersammlung. Nicht als Bibliothekar, nein leider, sondern in der Stellung eines Laufburschen. Genauer gesagt, bestand meine Aufgabe darin, die Bücherregale hinauf und herunter zu klettern, um den wissbegierigen Schwestern die von ihnen gewünschten Bände zu holen.
Große, schwere Bücher waren das. In Leder gebunden und mit vergoldeten Seiten. Nicht selten schwitze ich beim Transport der Dinger, und wollte mir gar nicht erst ausmalen, was passieren würde, wenn mir eines von ihnen aus der Hand glitte. Denn die Bücher hatten ihre Launen, und ich nie das Lesen gelernt.
Dies aber – natürlich – verschwieg ich. Genauso wie die Tatsache, dass ich unter meiner Nonnentracht zwei Äpfel anstelle von Brustbeuteln trug und eine Gurke anstelle einer Öffnung. Und ja – natürlich – die Gurke. Sie war das eigentliche Problem. Denn auch ohne nur einen einzigen Buchstaben zu kennen, fand ich mich zwischen den Bücherregalen zurecht, während das Ding zwischen meinen Beinen schmerzte und polterte, was mich nicht verwunderte. Ich hätte auch protestiert, hätte man mich in einen Käfig aus hartem Leder gesperrt, um mich fortan unter kratziger Wäsche zu verstecken. Aber, das sagte ich der Gurke immer wieder, so ein Ding war hier mindestens genauso unerwünscht wie die Influenza, die einmal im Jahr vor den Toren des Klosters stand, mit der Absicht, hereinzukommen.
Also biss ich die Zähne zusammen, kletterte wie ein Äffchen an der Regalreihen entlang, und wann immer sich die Gurke in ihrem Käfig besonders lautstark beschwerte, wusste ich, dass ich das erwünschte Buch erreicht hatte.
Sie sehen also. Ich brauchte die Gurke. So lästig sie auch war. Und Hilde wusste um das Ding, ohne dass wir je davon gesprochen hatten. Anfangs, wenn sie in der Bibliothek arbeitete, sah ich, wie sie sich die Ohren zuhielt. Später steckte sie sich Wachs in den Gehörgang und summte leise vor sich hin.
Wie alle hier, hatte auch ich großen Respekt vor Hilde. Denn Hilde konnte nicht nur Monate lang in der Bibliothek sitzen und mit einem einzigen Tintenglas ganze Berge von Papier füllen. Nein, sie konnte mit demselben Tintenfass auch noch 300 Briefe, Dramen und Musikstücke täglich verfassen, die Eingangshalle kehren und das Dach ausbessern, wenn der Wind mal wieder auf Beutezug gewesen war.
Wenn die Nonnen sich zum Mittagessen im Speisesaal gleich neben den Räumen des Konvents trafen, saß Hilde am Tisch der Obernonnen, und ich saß gegenüber von Wendelina, untergeordnet wie ich und nicht ganz freiwillig im Kloster.
"Meine Eltern wollten sich auf die Schwierigkeit, eine Mitgift aufzuwenden, herausreden", hatte mir Wendelina eines Tages bei Hühnersuppe verraten. "Tatsache aber ist, dass sie Angst davor hatten, gar nicht erst in die Verlegenheit eines derartigen Problems zu geraten. Ich bin, nun ja", flüsterte Wendelina und beugte sich dabei so weit über den Tisch, dass das schmiedeeiserne Kreuz, das sie an einem Strick um ihren Hals trug, im Suppenteller ertrank und später fettige Augen auf ihren Brustbeuteln hinterließ, "ein bisschen 'missgebildet', wie man so sagt."
"Ich auch", flüsterte ich zurück. "Missachtet, missverstanden und missgebildet", und von da an waren wir Freunde und nannten uns nur noch Miss. Miss Wendelina und Miss Orangina, die mit den Äpfeln und der schlecht sitzenden Gurke. Und wenn alle Nonnen einmal im Monat litten, nur wir nicht, gaben wir uns gegenseitig die Schuld.
Biblothekaries von archivarius





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