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datum: 09.02.2005
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Die Verführung (von translatorius)

„Sophia!“

Wenn ich den Kopf hebe, sehe ich das Licht, das durch den Türspalt bis vor meine Füße fällt. Ordentlich, streng von der Dunkelheit getrennt. Von hier aus sieht es nicht so aus, als würden einzelne Lichtmoleküle ihren vorbestimmten Weg verlassen und nach rechts oder links in die Dunkelheit hüpfen. Von hier aus sieht es so aus, als wüsste das Licht genau, wo es hingehört, nämlich in den schmalen Streifen, der kurz vor meinen Füßen endet. Und auf mich wartet. Geduldig wartet, bis ich aufstehe, die Tür öffne, nach draußen ins Licht trete.

„Sophia!“

Heute war der letzte Tag meiner selbstverschuldeten Unwissenheit. Heute, um 15:17 Uhr bin ich aus der Dunkelheit ins Licht getreten. Heute, um 15:17 Uhr blickten mich erfahrene Augen hinter milchigen Brillengläsern an und teilten mir mit, dass ich viele bin. Und dass die meisten in mir etwas anderes wollen als ich, mein kleines Bewusstsein dazwischen. Mein Körper wurde in den letzten Jahren und ohne mein Wissen zu einer Herberge für renitente Zellen. Wenn ich das kommende Jahr überlebe, habe ich „Glück“ gehabt. Den Namen der Krankheit habe ich noch nie zuvor gehört. Ich lächele und bedanke mich für diese Information, so wie ich mich grundsätzlich lächelnd für Informationen bedanke, ganz egal, um was es sich handelt. Habe ich eine Million gewonnen? In gewisser Weise schon: Ich habe eine Million Zellen gewonnen.

„Sophia!“

Meine Mutter steht vor der Tür. Sie trägt eine blaue Schürze und den trotzigen Blick einer, die für ihr Seelenheil alles ignorieren würde. Massaker, Bürgerkriege, Naturkatastrophen. Oder den in Kürze bevorstehenden Tod ihrer einzigen Tochter. Heute bin ich ins Licht getreten. Meine Mutter ist zurückgeblieben.

„Sophia!“ Sie räuspert sich. „Das Essen ist fertig. Der Lachs ist schon ganz weich. Du musst jetzt wirklich kommen.“ Sie blinzelt. Ihre Augen leuchten. Sie weint, ohne zu weinen. Massaker, Bürgerkriege, Naturkatastrophen. Bald ist ihre Tochter an der Reihe. Und ob ein einziges Leben oder Tausende – das spielt angesichts eines weichen Lachses keine Rolle. Für sie ist ein Tod nicht weniger schlimmer als zehn Tode. Und recht hat sie: Denn wie kann man Tode gegeneinander aufrechnen?

Ich stehe auf und drücke die Tür auf. Licht fällt mir in die Augen, auf den Körper, ich bade in Licht. Ich sehe die einzelnen Moleküle förmlich aus dem schmalen Streifen tanzen, in den Raum hüpfen, über mich drüber und hinter mir zusammenfließen. Ich rieche den weichen Lachs. Ich sehe, wie sich das Licht in den tapferen, feuchten Augen meiner Mutter spiegelt. Ich lächele sie an, wie ich immer lächele, wenn sich jemand um mich kümmert, auch wenn es mir nicht recht ist. Aufmunternd. Das ist erst der Anfang.


Und Sophia ließ sich vom Leben verführen. Noch einmal, noch schmerzhafter, noch verzweifelter als bei ihrem ersten Schrei, an den sich nur noch ihre Mutter erinnern konnte, weil Sophia damals noch nicht ganz da war. Und Sophia ließ sich vom Leben verführen, scherzte und aß mit ihrer Mutter, trank Wein und sah dem Licht zu. Und Sophia dachte bei sich: „Scheiße.“
Die Verführung von translatorius





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