sitzung: 3 [ Protokoll ]
datum: 10.03.2005
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Voll amerikanisch (von archivarius)

Ich war ein bisschen beleidigt. Nein, eigentlich war ich stinkig. Vielleicht sogar wütend. Möglicherweise auch zornig. Jedenfalls hätte ich Wendelina am liebsten an ihren langen, falschen Haaren so lang durch die Klostergänge geschleift, bis sie sich bei mir unter Zähnegeklapper entschuldigt hätte. Mich angefleht, um Vergebung gebettelt hätte. Dafür dass sie auf meine Kosten diese Perchta-Nummer abgezogen und mich drei Tage lang durch den Wald der Zeiten gejagt hatte, nur um mit einer fremde Frau ein wenig Schabernack zu treiben, während ich daneben sitzen und den Bekloppten spielen musste.
"Der heißt Ivan. Der kann nicht sprechen." Blöde Sau.

Schimpfworte sind hier im Kloster natürlich nicht erlaubt.
'Blöde Sau' ist aber allemal besser als 'verkackter Blitz Gottes'. Oder Du 'verrotzte Weihrauchnase'. Also hatte ich 'blöde Sau' gesagt, als mir Wendelina mit der Absicht, wieder einzulenken, ein Kisschen mit heißen Kirschkernen unter die Bettdecke schob. Und war eben mit warmen Füßen auf sie sauer.
Die ganze Nacht hatte ich darüber nachgegrübelt, wie es kam, dass Wendelina so perfekt diese Sprache beherrschte, die wir doch erst Hunderte von Jahre später sprechen sollten. Von der ganzen Konversation, die zwischen ihr und dieser Frau stattgefunden hatte, hatte ich nur die Hälfte verstanden. Und was sollte das eigentlich mit dieser seltsamen Konstruktion, die ich an einen Baum binden sollte?
Egal. Ich jedenfalls wollte nie wieder mit Wendelina sprechen, und sie war der Meinung, ich befände mich in einer meiner schweren Identitätskrisen.
"Du solltest dich nun wirklich für einen Frauentyp entscheiden", eröffnete sie mir eines abends, während ich die letzten Bände in die Bücherregale zurücksortierte. Wir waren allein in der Bibliothek, und Wendelina hatte sich mit baumelnden Beinen auf den Tisch gesetzt, an dem Hilde immer saß, wenn sie hier arbeitete.
"Mit zwei Äpfeln und einem Satz kratziger Unterwäsche ist es eben nicht getan", fuhr sie fort. Und als wäre ich noch immer Ivan, der Bekloppte, fügte sie hinzu: "Zum Frau Sein gehört nämlich ein bisschen mehr."
"Was denn?" Ich versuchte so gelangweilt als möglich zu klingen. Immerhin sprach ich ja nicht mit Wendelina.
"Zunächst einmal bist du viel zu stolz. Du könntest niemals Kinder bekommen."
"Gibt Schlimmeres, oder? Und falls mich das eines Tages doch mal stören sollte", sagte ich und hievte einen besonders schweren Band in eine Lücke im Bücherregal, "mach ich es wie die meisten anderen hier und kauf mir eine Pflanze. Einen Baum, ein Blatt ..."
"Also gut. Dann bist du eine Melanch-o-lickering."
"Eine was?"
"Eine Melanch-o-lickering. Ein solcher Frauentyp ist meist schlank und knochig, von dunklem und finsteren Gesichtsausdruck mit wechselhaften Launen. Partnerlos leben sie gesünder als in der Ehe. Bei vorzeitigem Klimakterium bzw. einer Totaloperation neigen sie zu Gicht und Rheuma, Rücken- und Nierenschmerzen. Wobei: In deinem Fall dachte ich eher an die Chol-e-rickering."
"Ist mir glaub zu amerikanisch."
"Das ist nicht amerikanisch. Das ist britisch."
"Und was zeichnet die aus? Diese Chol-e-rickerings."
"Sie haben meistens gut entwickelte Muskeln und Knochen."
"Das heißt, sie sind sehr sportlich."
"Genau. Virgin bend, headlong."
Voll amerikanisch von archivarius





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