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datum: 10.03.2005
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Der Saal der Keuchenden Bilder (von translatorius)

Sophia war kein normaler Mensch: Nach der Schule arbeitete sie einige Jahre als Museumsaufsicht. Am liebsten bewachte sie die Keuchenden Bilder - Gemälde, die den Betrachter unweigerlich in tiefe Trance transportierten. Kaum jemand schaffte es angesichts dieser Bilder, länger als zwei Minuten wach zu bleiben. Abends, wenn das Museum schloss, mussten die jeweilige Aufsicht und die vereinzelten Gäste, die sich in diesen Saal verirrt hatten, von den anderen Aufsehern geweckt werden. Sophia war gerne bei den Keuchenden Bildern. Trance war ihr Element. Das war lange bevor: Bevor sie anfing mit dem Leben.

Sophia war kein normaler Mensch: Als sie acht war, wurde sie vergewaltigt. Ein Jahr darauf tötete sie ihre Peiniger. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das war lange bevor: Bevor sie anfing, an den Tod zu denken.

Doch Sophia war zu normal, um sterben zu wollen: Als sie mit 32 Jahren erfuhr, dass sie an einer tödlichen Krankheit litt, flüchtete sie zu Mama und verfluchte die Welt. Eine Wimper zuckte und alle anderen zuckten mit: Das war kurz bevor.

Sophia war kein normaler Mensch, aber sie tat so als ob: Sie ging ins Museum. Die Keuchenden Bilder waren inzwischen abgehängt und verstaut worden. Die Besucher hatten keine Zeit mehr, stundenlang in Trance zu verfallen. Sophia zuckte einmal mit der Wimper und schlief ein.

Sie träumte: Sie saß an einem langen Tisch und blickte auf einen Teller mit Blutegeln. Neben ihr kniete ein Mann, der sie argwöhnisch beobachtete. Ihr gegenüber saß eine Nonne mit goldenen Zähnen. Die Nonne lächelte und griff nach dem Teller.
Gefängnis oder Krankenhaus. Neben ihr wippte ein Mann mit wirrem Haar und großen Pupillen. Ihr gegenüber saß eine verrückte Alte mit goldenen Zähnen und griff nach dem Essen auf ihrem Teller. Die Alte sprach, doch sie konnte kein Wort verstehen. Nichts, außer Kalmus. Kalmus?
Die Alte lachte und Sophia musste die Augen schließen, weil es auf einmal so hell wurde. Der Alten schien die Sonne aus dem Mund. Kalmus?

Sophia war kein normaler Mensch und so wachte sie auch nicht auf, als es gerade spannend wurde. Hildegard nahm ihre Hand und zog sie an den Insassen und Wärtern vorbei ins Freie. „Die vedischen Seher“, sprach Hildegard, „benutzten Kalmus, um ….“ Kalmus? Auf Sophias Hand flog ein Marienkäfer. Und das mitten im Februar. Ladybird, where didst thou come from? Hildegard lächelte und eine Wolke kleiner roter Flügel entströmte ihrem goldenen Mund und setzte sich auf Sophia, Flügel um Flügel. Und Sophia seufzte verzückt, denn sie war die tägliche Lust des HERRN und spielte vor ihm allezeit, denn der HERR hatte sie schon gehabt im Anfang seiner Dinge.

Sophia erwachte im gleißenden Licht des Operationssaals. Johnny Depp führte eine Kanüle ein, Benicio del Toro überprüfte den Blutdruck. Und Hunter S. Thompson griff nach dem leuchtenden Skalpell.

Sophia war kein normaler Mensch, aber das war sogar ihr zu abgefahren. Sie sang ein Stoßgebet und wartete darauf, dass der lange dünne Finger Gottes den Refresh-Button drückte. Sie wollte nicht mehr über Los gehen und sie wollte auch keine DM 4000 einziehen. Sie wollte einfach nur nach Hause.
Der Saal der Keuchenden Bilder von translatorius





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