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datum: 27.05.2005
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Robert Plant gibt den Dongl her (von translatorius)

Sicher, man könnte behaupten, dass Sophia mit einer gewissen Lebensunlust auf die Welt kam. Dieses frühkindliche, noch völlig unbewusste „Ach, nicht schon wieder!“, das sich durch ihre ersten Jahre zog und erst gemildert wurde, als sie Musik und Masturbation entdeckte. Bald schon taten sich andere Wege aus dem monotonen Alltag auf und es war ein Wunder, dass sie die schwierigen Jahre der Pubertät mit nur wenigen Alkoholvergiftungen und einer klitzekleinen Überdosis überstand.

Insofern war es noch viel schmerzlicher für Sophias Mutter, dass ihre Tochter nun, im nicht mehr ganz jungen Alter von 32, für ihre Todessehnsucht belohnt werden sollte. Als sie gehen wollte, ließ man sie nicht. Als sie sich an den Zustand, den andere „Alltag“ oder einfach nur „Leben“ nannten, gewöhnt hatte, wurde sie aus eben diesem brüsk hinausgeworfen. Sophia selbst nahm die Nachricht stoisch: Sie wusste, der Türsteher hatte die Hand erhoben – in diesen Club würde sie mit diesem Körper nicht mehr gelangen. Und was am ärgerlichsten war, es schien ihr egal zu sein. Sophias Mutter seufzte. Und rief ihre Schwester an.

Zioran war in den Siebzigern Timothy Leary begegnet, und nach einer kurzen amourösen Begegnung mit Robert Plant feministisch, dann lesbisch, dann spirituell geworden. Sie zog nach Ibiza und praktizierte Kräuterkunst. Zu Weihnachten schickte sie selbst gebastelten Schmuck und merkwürdig riechende Kekse, die sich Sophia sofort unter den Nagel riss. Sophia mochte Zioran, obwohl sie sich selten trafen, und manchmal telefonierten die beiden stundenlang. Sophias Mutter schwieg eifersüchtig im Nebenzimmer.

Als die Drogen- und Männerprobleme anfingen, griff Sophias Mutter schließlich entnervt zum Telefon. Sie wusste nicht mehr weiter. Vielleicht konnte ihr Zioran, die durch ihre eigenen Alpträume gewandert war, weiterhelfen. Zioran meldete sich nach dem elften Klingelton. Sie klang verschlafen. Sophias Mutter begann wie gewohnt mit Smalltalk, bis ihr Zioran verärgert das Wort abschnitt: „Hör zu, ich habe gerade Besuch von einer großen Reiki-Meisterin. Komm bitte schnell zur Sache.“ Sophias Mutter räusperte sich: „Es geht um Sophia. Die Kleine …“ Zioran unterbrach sie: „Die Kleine ist dreizehn und gebärfähig. Sie kann dir auf den Kopf spucken. Um was geht’s?“ „Aaalso, ich glaube …“ „Hat sie Sex?“ „Äh, ja, das befürchte ich.“ „Mit Typen?“ „Oh, das hoffe ich doch.“ Zioran seufzte. „Na, schön. Hast du Kondome gefunden? Wenn nicht, leg ihr sofort welche hin. Am besten im Bad, da ist es nicht so aufdringlich. Sonst was?“ „Also, ich glaube, sie nimmt … ähm…“ „Was, die Pille?“ „Nein, ich meine …“ „Drogen?“ „Ja.“ „Was denn, Hasch? Alk? Was Hartes?“ „Keine Ahnung.“ „Liebe Hilde, wie soll ich dir so helfen? Du muss rausfinden, was sie nimmt. Wenn’s Alk oder Heroin ist, böse böse. Wenn’s nur Hasch oder Pilze sind, dann können wir auch an Weihnachten drüber sprechen. Sonst noch was?“ Sie gähnte. Sophias Mutter verzog den Mund, verärgert über Ziorans arrogante Besserwisserei, noch verärgerter über sich selbst. Nie hatte sie ihrer älteren Schwester Paroli geboten, immer hielt sie den Mund. Sie kniff die Lippen zusammen. „Nein, nichts. Viel Spaß mit deiner Raki-Meisterin.“ Sie legte auf und rieb sich die Augen. Dann ging sie in Sophias Zimmer und begann aufzuräumen.

Als Sophia, 32, vor dem Spiegel stand und ihre weißen Haare zählte, dachte sie daran, wie ihre Mutter vor zwanzig Jahren mit aufgerissenem Mund in ihrem Zimmer stand und wortlos auf ihr Tagebuch zeigte. Für den schnellen Freitod hatte die Zeit nicht mehr gereicht. So ein Pech aber auch.
Robert Plant gibt den Dongl her von translatorius





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