sitzung: 8 [ Protokoll ]
datum: 15.07.2005
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Die Schönheit und der Fleck (von rio de janeirius)

Es war hoher Mittag und rund um die alte Templerburg unserer lieben Frau jubilierte das Vogelvolk wie zu jenen Zeiten, da noch kein menschliches Auge ins Tal hinunter- oder über die sanfte Dünung der Ebene hinwegschweifte, als weder eine Dorfkirche aus dem einen herauszeigte noch Rebstöcke und Straßen die andere überzogen. Süßes Laudanum eines staubtrockenen Sommers!

Bisweilen surrte geschäftig ein Insekt vorüber oder blieb für eine militärisch anmutende Minute präzise über einem Grashalm in der Luft stehen. Fingerlange Eidechsen huschten Stein und Mörtel entlang und schwangen dabei ihre Beinchen in zuckendem Kanon.
Ich hatte mich aus dem Schatten des Olivenhain erhoben, hatte den Duft der Feigenbäume und der Rosmarinbüsche hinter mir gelassen, und war begierig, vom pflanzlichen Phlegma mich zu lösen und einzuschwenken in die Betriebsamkeit des Tieres.
Leicht und langsam schritt ich den zugleich kargen und verwilderten Burggarten ab, gedachte der frühmorgendlichen Skorpione, wie sie aus den kühlen Fugen der inneren Gemächer hinauswanderten in die kommende Glut, dort ein nahrhaftes Plätzchen zu finden, und wie ich ihren Wegen aufmerksam und ohne einen einzigen Stich ausgewichen war.

Als ich eben meinen Blick zu den höchsten Zinnen des Turms gerichtet hatte, da mir schien, als sei von dort eine Fledermaus in mistraltrunkenem Sturzflug hinab in den Wipfel einer Zypresse geflüchtet, biß mich etwas scharf in die Ferse und ich erkannte gerade noch einen buntschillernden, geschuppten Schwanz in einem Erdloch verschwinden. Wie nahe ich mich den Tieren jetzt fühlte!
Der Biß der Natter strahlte aus, mein Knie wurde taub, ich schleppte mich zum Schmiedegewölbe, ließ mich auf einem Schemel nieder und betrachtete die vom Rost verzauberten Gerätschaften, die von der Galerie herunterbaumelten, während ich erwog, ob nicht vielmehr einer dieser orangebraunen Falter mich aus nächster Nähe im Augenwinkel getäuscht und verhängnisvoll aus dem Tritt gebracht haben könnte.
Inzwischen hatte sich ein Fieber meines Beines bemächtigt und pochte böse darin, ich jedoch starrte bloß auf die Sicheln und die durchgerosteten Sägeblätter, zählte die Zinken der Forken und Eggen, und lauschte verwundert den Fröschen, die vom Dorftümpel her konzertierten.

Es war tiefste Mitternacht und ich griff nach dem Teleskop, um die Milchstraße nach einem Stern abzusuchen, der unserer lieben Frau würdig wäre, jedoch verströmte der Lavendel einen so durchdringenden Duft, daß ich den Tubus nicht zwischen mich und das Himmelszelt zu stemmen vermochte. Mein Schädel knackte, das Licht der Laternen flackerte und begann zu zerfasern, eine königliche Mirage jagte über die alte Templerburg hinweg, ich stand im goldenen Kreis und schwieg. Ihr rostigen Gitter vor den Fenstern schweiget nun auch!
Die Schönheit und der Fleck von rio de janeirius





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