sitzung: 9 [ Protokoll ]
datum: 29.07.2005
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Birnenfleisch aus der Dose (von archivarius)

Nach dem Zwischenfall am Bahnhof Friedrichstraße brauchte ich erst mal was zwischen die Kiemen. Ja, ich weiß. Eigentlich sollte ich nach Sofia Ausschau halten. Aber mit leerem Bauch fängt man sich nur Halluzinationen ein, und wem soll das was nützen?
Gleich dort drüben ist eine Schenke. Bisschen schmuddelig, o.k. Aber es ist warm dort drin, und außer einem tätowierten Mann in Pfarrerkleidung sitzen nur drei ältere Herren an einem Tisch und spielen Mensch Ärgere Dich Nicht. Der Mittlere von ihnen, offensichtlich der Impulsivste, wirft gerade das Spielbrett samt den Figuren an die Wand und schreit, dass er keinen Bock mehr habe, ständig zu verlieren. Dann tritt er gegen das Tischbein und bestellt noch einen Kräutertee.
Ich bestelle mir eine Birne mit Preiselbeeren. Das habe ich schon ewig nicht mehr gegessen. Die Kettensäge sitzt neben mir und summt leise ein metallenes Lied vor sich hin. Seit sie auf diesem Rockkonzert war, scheint Musik ihre große Leidenschaft zu sein – ich hoffe nur, sie bekommt jetzt nicht gleich wieder einer ihrer Anfälle, in denen sie über geile, dicke Kettensägenärsche zu singen beginnt, Luftgitarre spielt und sich dabei in ihre hautenge Plastikverpackung quetscht.
Endlich plumpst die Dosenbirne vor mir auf den Tisch. Was auf ihr liegt, sieht aus wie blutiger Auswurf, aber egal. Solange die Säge ruhig bleibt, ist alles o.k.
Die drei Herren haben ihr Mensch Ärgere Dich Nicht Spiel wieder aufgenommen, und der Mittlere, der offenbar Gott heißt, würfelt am laufenden Band und prescht mit seinen Männchen über das Spielfeld, während sich die anderen beiden Herren noch einen Kräutertee bestellen.
Plötzlich sitzt der Pfarrer vor mir. Aus rot geäderten Augen sieht er mich an und erklärt flüsternd, er habe die bunten Feuer der Laternen am Ufer und auf den Booten gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob er mir damit sagen will, dass er gern etwas von meinem Preiselbeermuß hätte. Und so sage ich:
"Pater", sage ich, "greifen Sie ruhig zu – was ein großer Fehler ist. Denn wütend reißt der Pfarrer seine Arme in die Luft und schreit, dass ihm an der Lust des Herzens gelegen sei, am Erguss im süßen Duft der Tugend und nicht etwa an irgendwelchen Sauereien. Dann bricht er in Tränen aus und bettet seinen Kopf vor mir auf den Tisch.
Zum Glück kommt in diesem Augenblick eine junge Frau in die Schenke, deren Haare lichterloh brennen. Mit einem gekonnt platzierten Charlottenburger schießt sie den Pfarrer vom Stuhl, den es mitten auf das Mensch Ärgere Dich Nicht Spielbrett katapultiert, und bei Gott, der endlich einmal dabei ist zu gewinnen, einen Tobsuchtsanfall auslöst.
"Sie verdammter Riesendongl", schreit Gott, "Geiler Rotz, schleim mich voll", grölt die Kettensäge, und ich beeile mich also, so schnell wie möglich aus der Schenke zu kommen.
Birnenfleisch aus der Dose von archivarius





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