sitzung: 9 [ Protokoll ]
datum: 29.07.2005
text: 7 [ 1  2  3  4  5  6   ]
schrift: 10px [ 12px  14px   ]
Baphomet auf Methadon (von translatorius)

„Sie denken, sie könnten das Geheimnis lösen, indem sie ein Buch lesen. Oder fernsehen.“ Hildegard schüttelt den Kopf. Ach, wäre es doch nur so einfach.
Der Junge sitzt zusammen gesunken vor ihr, sein Kopf auf den Armen. Er starrt vor sich hin.
„Dabei wird der Tod absolut überschätzt. Darum geht es doch gar nicht. Wir haben lediglich Angst, unser Bewusstsein zu verlieren. Doch der Körper … der Tod ist in allen Dingen. Die Zellen sterben. Jedes Telefongespräch hat ein Ende. Jede Freundschaft. Jeder Sommer ...“
Der Junge hebt den Kopf und kneift die Augen zusammen. „Klar, Oma, ick verstehe. Aba was’n mit den 50 Eiern, die du mir versprochen hast? Ick meen nur, ick muss ma wieda, weeßte …“
Hildegard sieht ihn lange an. „Und du, Julius, hast du keine Angst?“
„Vor wat denn?“ Der Junge gähnt und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Er ist keine 14. Seine Finger sind gelb. Wenn er lächelt, sieht sie die Hälfte seiner Zähne.
„Vor dem Tod, Julius, hast du davor keine Angst? Und wie steht’s mit dem Teufel? Julius, fürchtest du den Teufel? Ist er hinter dir her, wie …“
Sie dreht sich blitzschnell um und macht eine Handbewegung in Richtung Wand. Der Junge sieht zwei Sekunden lang überrascht aus, dann fallen ihm seine Augen wieder zu.
„Der Teufel?“ Er kichert. Die Alte hat einen Schuss. „Der Teufel, der ist jeder Frau Mann und jedem Mann Frau und …“ Hildegard sieht ihn durchdringend an „… und weeßte, der Alte hat jesagt, er kommt gleich wieder, und dann isser weg jewesen …“ Der Junge kichert lauter, im Stakkato, „… hat allet mitjenommen, der Arsch, auch die Tabletten, und ick musste sehen, wo ick bleibe, die verdammte Sau, nach allem, wat ick für ihn jetan habe, und dit war einijes, du weeßt, was ick meine …“ Hildegard schüttelt den Kopf, „Nein, weiß ich nicht, aber …“ „Und dann kamen die Bullen und haben allet durchsucht, und ham mich mitjenommen und mich durchsucht, überall, sogar hier …“ Er lacht und zeigt nach unten.
Hildegard schüttelt den Kopf. „Julius, hör mal zu, ganz ruhig, Julius, was genau …“

Der Junge steht auf, sein kleiner Körper zittert inzwischen unkontrolliert, und er fährt sich langsam durch sein Haar, stoßweise lachend und schnaubend. Hildegard sieht seine Zähne, eisern und schwarz, seine langen Ohren, seine brennenden Augen. Sie will sich umdrehen, flüchten, mindestens nach dem Tintenfass greifen, doch sie ist wie gelähmt von seinem Blick. Als er sich das Hemd aufreißt, als er ihr zeigen will, wo ihn die „Bullenschweine“ überall angefasst haben „ohne wat abzudrücken“, als sie die Blutergüsse an den Armen sieht, die Tätowierung auf der Brust, als sie merkt, wie sein Kopf größer und größer wird, und seine Augen dunkel heraus treten, Funken schlagen, drei Stangen, zwischen denen sich eine Schlange windet, dunkel verkrustete Striemen am Hals und an den Lenden, als sie das „menschliche Schmutzteil in Erregung“ sieht, die Male an Händen, Füßen und an der Seite (und das trotz Kleidung), als sie mit einem Schock bemerkt, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten, die typischen Lichtblitze in den Augenwinkeln beginnen, der Druck in den Schläfen zunimmt, da fühlt sie die Hand Gottes, die nach ihr greift, sie am Kragen nimmt, kurz schüttelt, wie einen jungen Welpen, und sie behutsam wieder absetzt.

Sie öffnet die Augen. Der Junge ist weg. Der Geruch unerträglich. Sie sieht an sich herunter. Essensreste kleben an ihrem Gewand. Sie atmet tief ein.
Nie wieder Stechapfel.
Baphomet auf Methadon von translatorius





Ein Frosch will in den Himmel ...
Birnenfleisch aus der Dose
Delphinschrift No 1: Als Soft ...
Danach
Der Runenberg
Wermut gegen Schwermut
Baphomet auf Methadon


in dieser Staffel suchen