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datum: 08.12.2005
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Bummelzug ins Walroßmeer (von fjodorgarrincha)

(Aus gegebenem Anlass: Dem Freund Lothar S. zum Geburtstag gewidmet)


„Nich’ Jakob, sonnern Joseph.“, seufzte Sophia.
„Muss man halt hinschaun, ummen Unterschied zwischen Jacke und Hose zu erkennen.“, hauchte Hilde.
Schwersttrunken hingen die Schwestern am Tresen der Bar, dem einzigen waagrechten Ort weit und breit. Die Lounge bestand aus grünen Hügeln, Sitzgelegenheiten gab es nicht. Man lungerte herum, die Beine übereinandergeschlagen, schlaksig sitzend ein prekäres Gleichgewicht suchend, oder einfach ganz platt ausgestreckt, auf dem Rücken liegend, das schimmernde Glas in Höhe des Bauchnabels.
„Cheers George!“, sprach leise ein hagerer Steppenwolf, als solle niemand sonst ihn hören. Seine Wangen waren gezeichnet, beide trugen Rinnen, die von lautlosen Tränen gegraben schienen, seine Augen aber waren wach, klar und tief und grün, wie der Baikalsee, auch wenn ihr Blick zuweilen wie Kinolicht flimmerte. Er leerte sein Glas und verschwand zwischen den grünen Hügeln, um seinen 50.Geburtstag incognito zu feiern.
„Zwei Red Bavaria!“, schrie Sophia, als eine Bedienung in ihrer Nähe aus den schottischen Nebeln herauswuchs.
„Mir auch Drei!“, brüllte Ivan Dongl, der plötzlich hinter den Schwestern stand und ihnen seine ungleichen Pfoten auf die Schultern patschte.
„Gewissermassen feiern wir heute Abschied von unserer Jugend.“ Sprach der Weihnachtsmann. „Jawohl“, fuhr er mit veränderter Stimme fort, „die 60-er Jahre sind jetzt vorbei!“. Und eine Stimme, die aus seiner Hodengegend zu kommen schien, dafür aber recht kieksig klang, vollendete: „1968 ist nun begraben!“.
Die Bedienung tauchte wieder auf und schaffte es gleichzeitig 5 Halblitergläser zu servieren. Ivan Dongls Weihnachtskostüm zerviel und drei Schaffneruniformen schwankten wie ein zerbrechlicher Turm vor den grünen Hügeln.
Gödl hatte Gott auf den Schultern und dieser Einstein (wegen dem Bart).
Sie hoben die Humpen und schluckten. Dann gröhlten sie lauthals im Chor:
„KUKULUKICHU KUKUKULUKICHU CHUCHU...“.
Pardauz, da fielen sie um und wurden begraben von zentimeterdicken Schichten aus Sägemehl und Fleischmansche. „Ich bin der Eiermann.“, ächzte Gott von unter der Schlacke hervor.
„Suppendumm!“ zischten Hilde und Sophia. Da tat sich auch unter ihnen der Boden auf, sie fielen in einen Pool und mussten wie junge Hunde um ihr Leben paddeln.
Am Rande sass der hagere Steppenwolf mit den gegerbten Wangen und sang dazu ein Lied:
„Und wir alle scheinen weiter, wie der Mond und die Sonne und die Sterne...
Und wir alle scheinen weiter, weiter und weiter und weiter und weiter ...“.
Ach,
Und wenn sie nicht ertrunken sind, so sind sie doch versunken.
Bummelzug ins Walroßmeer von fjodorgarrincha





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