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datum: 26.07.2001
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Radio Fallout Deep Shit (von translatorius)

Einer dieser Tage, an denen ich an Automatismus leide. Wie fast immer sitze ich in geschlossenen Räumen und warte. Ein nervöses Flattern in der Magengegend, ein Druck auf den Schläfen, eigentlich will ich mir nicht eingestehen, was passiert ist, was jede Minute passiert, was meinen Kopf blockiert.
Hätte ich ein Radio, würde ich es anmachen.

Es wird Abend, der Himmel wird leiser, die Luft stickiger, ich bereite mich aufs Gehen vor. Irgendwie würde ich gerne bleiben, irgendwie ist es bescheuert zu bleiben, irgendwie muss ich jetzt gehen. Ich muss Dinge tun. Dinge tun mich. Hätte ich ein Radio, würde ich nach einem anderen Sender suchen.

Ich gehe raus, ich schicke auf dem Weg nach draußen eine SMS, das Telefon klingelt zwanzig Minuten später. Ich sitze im Mauerpark und sehe der Sonne beim Senken zu. Hunderte von Menschen gehen von rechts nach links und von links nach rechts. Ein paar hören Musik. Hätte ich ein Radio, würde ich es aufdrehen.

Auf dem Weg nach Hause kriege ich Hunger. Ich bin betrunken. Ich habe fünf Stunden oder länger zugehört und geredet. Die Zeit verging so schnell, dass ich nicht gemerkt habe, wie es dunkel wurde und die Kneipen sich füllten. Polizisten haben uns auf den Gehweg verwiesen. Wir haben gelacht. Die Zeit hat sich zu einem kleinen glänzenden Punkt verjüngt, mein Gegenüber saß in einem Vakuum und ich habe nicht gemerkt, wie es dunkel und kühl wurde. Hätte ich ein Radio, würde ich nicht daran denken.

Ich schlafe ein. Alles dreht sich. Das Zimmer ist hell und laut. Ich denke an den kleinen glänzenden Punkt, die Wand dahinter, rau und rissig. Ich denke an einzelne Flächen, Poren, kleine Haare, die sich an die Luft kämpfen. Ich schlafe ein mit Bildern, die mir tagsüber den Kopf blockieren. Irgendwo draußen läuft ein Radio. Hätte ich dieses Radio, ich würde die Lautstärke hoch drehen.

Um halb neun piept der Wecker. Ich wache sechs Minuten vor halb neun auf und warte auf den ersten Pieps, dann schalte ich ihn aus. Ich gleite langsam wie ein Reptil aus dem Bett, ich fühle mich, als würde ich aussterben und im Spiegel sehe ich nichts Gutes. Ich gurgele mit Öl, gehe pinkeln, wasche mich, ziehe eine frische Unterhose und ein T-Shirt an und hüpfe behände durch die Wohnung. Wenn ich das Radio anmache, hoffe ich, dass meine Freundin Cathrin die Wetteransage macht. Ich hoffe, dass der Tag warm und trocken sein wird. Ich hoffe auf ein Zeichen. Sobald ich angezogen bin und den letzten Blick in den Spiegel geworfen habe, vergewissernd, die müden Augen unter den Haaren versteckt, fühle ich mich gut und sinnvoll. Ich mache das Radio aus, die Wetteransage habe ich verpasst, den Rest nicht mitgekriegt. Ich freue mich auf die Poren, Haare, die sich an die Luft kämpfen, Flächen, die vor der rauen rissigen Wand sich mir entgegenstrecken. Hätte ich ein Radio, würde ich Schweinerock suchen und finden und laut meine Haare schütteln.

Hätte ich ein Radio, würde ich mir ein Lied wünschen und es würde gespielt werden.
Es ist einer dieser Tage, an dem so was passiert.
Radio Fallout Deep Shit von translatorius





Radio Fallout Deep Shit
RADIO
Pock 2
Infraschall
he use to sleep and the radio ...
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