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datum: 21.05.2002
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Die Empfangsdame (von sniquus)

Meinen guten Radioempfang verdanke ich einer jungen Frau, die in meinem Radio wohnt. Sie hat keinen Namen. Zumindest wüsste ich nicht, wie sie heißt. Sie hat sich mir nie vorgestellt, noch hat sie je irgendwas gesagt. Was weiter keine Rolle spielt. Hauptsache sie empfängt gut. Und das tut sie.

Zum Beispiel letzten Donnerstag. Donnerstags wird bei uns der Müll geholt. Also weiß ich das ziemlich genau. Dann kommt es bei dem ganzen Radau unten im Hof auf guten Empfang an. Es war eine Sendung von Radio Hochsee zum Thema Frequenzverluste. Ich hatte etwas für meine Entspannung getan und anschließend an meinem Radio gekurbelt. Dann erschien sie. Dazu muss man wissen: Wenn ich die Kurbeleinstellung ideal mit den heranwehenden Radiowellen in Einklang bringe, erscheint die Empfangsdame. Sie erscheint aus dem halbtransparenten, rückseitig sanft beleuchteten Kunststoff, auf dem die Namen für die Stationen stehen. Und dann wehen ihre Haare. Einfach so. Kein Schimmer, woher diese Brise stammt. Es weht einfach, je besser der Empfang, desto kräftiger. Ach ja, sie ist blond. Das muss man wissen.

Es ist ein Blond von der guten Art. Es ist golden wie Korn, wellig wie das sanfte Meer am Indischen Ozean, würzig wie eine Brise über... ach egal. Ihr Blond weht durch dieses winzige Frequenzspektrum, das ihr die eng auf dem Display zusammen stehenden Striche für die ganzen Sendestationen frei lassen. Das muss man sich mal vorstellen.

Wenn ihre Haare zu wehen beginnen und alles spitzenmäßig hörbar wird, kann auch ich nicht anders, als auf das Display zu starren, und dann beginne ich immer, eine ganze Menge wirklich interessanter Dinge zu sehen. Ich meine: Radio ist doch eigentlich dazu da, die Dinge zu sehen. Ich würde sagen, das bessere Fernsehgerät. Nur sieht man eben extrem klein und intim.

Am Donnerstag sah ich eine komische Szene. Ein junger Mann kauert in seinem Zimmer. Neben sich ein Stapel Fotos. Schulbilder, also Klassenausflüge, Partybilder, so was. Nachdem er sich satt gesehen hat, schnippt er jedes einzelne davon in die Ecke seines dunklen Zimmers. Ich sage dunkel, aber eigentlich war um den Typ so was wie ein Schein, der im Hintergrund eine Waffe mit langem Lauf beleuchtete.

Auf Radio Hochsee am Donnerstag wie gesagt eine Sendung zum Thema Frequenzverluste. Das ist ein spannendes Thema. Für mich ist das ein spannendes Thema. Nicht, dass ich die physikalische Dimension verstehen oder mich das interessieren würde, aber prinzipiell, meinetwegen auch existentiell, ist das ein Thema für mich, das mir nahe geht. Frequenzzittern. Stereo schmiert ab, stirbt schließlich. Frau weg. Kein goldenes Wehen mehr.

Donnerstag also war ein guter Radiotag, ein stabiler Auftritt meiner Radiofee, klarer, farbiger Empfang. Das war schon was. Und wenn ich jetzt trotzdem zu wenig von IHR erzählt habe, dann bitte ich das zu entschuldigen. Ich bin mir bewusst, jaaa ... nein, ich bin ÜBERZEUGT: das ist schon eine verdammt spannende Geschichte mit dieser Empfangsdame, das hat nicht jeder. Aber leider: für heute ist der Platz alle. Sorry. Laut dem Amtsblatt Grundversorgung Inhalte (Ausgabe 12/96), ist so was hier auf eine DIN A4 Seite beschränkt. Was ja nun wirklich alle wissen. Meine Empfangsdame auf jeden Fall.
Die Empfangsdame von sniquus





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